Dr. Anne Katrin Matyssek – Autorin und Beraterin in Betrieblichem Gesundheitsmanagement

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Dr. Anne Katrin Matyssek - Autorin und Beraterin in Betrieblichem Gesundheitsmanagement

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Anne Katrin MatyssekDr. Anne Katrin Matyssek

ist Autorin und Beraterin zu Betrieblichem Gesundheitsmanagement. Sie bietet ein breites Spektrum an hilfreichen Erfahrung, Tipps und Angeboten zu besserer Führung, mehr Wohlbefinden, Werten usw. unter dem Namen „do care!“ Theman die uns wahrscheinlich auch noch in den nächsten 10 Jahren beschäftigen werden.


Liebe Frau Dr. Matyssek, ich freue mich sehr, dass Sie sich bereit erklärt haben Ihre Gedanken und persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Ihnen spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Mobilität,
  • Flexibel-sein-Müssen,
  • Aussteiger,
  • Leidenschaft (sorry, sind 4)

Was verbinden Sie mit diesen Begriffen? 
Theoretisch ist heute schon „Arbeiten von überall“ möglich – faktisch reisen wir aber so viel wie nie. Arbeitsbedingte Mobilität durch Auslandseinsätze, Fernbeziehungen, Projektarbeit an unterschiedlichsten Orten, Pendeln über die Kontinente, das alles ist schon jetzt zur Norm geworden. Die Zahl der Leute, die dem Druck und der erzwungenen Flexibilität (und damit einhergehender Unsicherheit) nicht gewachsen ist, wird ansteigen; ob man das nun Burnout nennt oder anders – die psychische Gesundheit nimmt Schaden, weil wir noch nicht gelernt haben, die Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt gut zu bewältigen. Aber denjenigen, die ihren Beruf selbst gewählt haben und mit Leidenschaft selbst gesteckte Ziele verfolgen (vor allem als Selbständige), erleben ihre Arbeit als Chance zur Selbstentfaltung und die Mobilität als Symbol ihrer Unabhängigkeit.

Was denken Sie, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Das Arbeitsnomadentum wird weiter zunehmen. Es wird noch mehr Bruchstückhaftes geben, auch in unseren Erwerbsbiographien. Mehr Selbständigkeit, noch mehr Arbeiten in Projekten, noch mehr erzwungene Mobilität, noch weniger Planbarkeit – aber es wird auch mehr Menschen geben, die sich dem absichtlich entziehen, wie die Hippies aufs Land ziehen und offline leben. Wir werden uns noch stärker selbst-organisieren müssen. Uns selbst Arbeit suchen, und diese Arbeit selbst gestalten. Mit Partnern, die wir uns ebenfalls selbst suchen – zeitlich befristet und teils ohne sich persönlich zu kennen. Vielleicht suchen wir uns sogar unsere Führungskräfte selbst aus. Es wird auch weiterhin Menschen geben, die es als sagenhafte Freiheit und spannende Herausforderung begreifen, sich alle paar Monate neu zu überlegen, womit sie ihr Geld verdienen möchten – und Leute, die die unendliche Auswahl an möglichen Projekten und die fehlende Sicherheit überfordert.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Das Internet hat die Welt größer und kleiner zugleich gemacht: Es gibt heute unendlich viele Kunden, und zwar aus der ganzen Welt – aber man muss von ihnen auch gefunden werden; die Notwendigkeit, sich sichtbar zu machen, ist größer geworden. Regionale Bekanntheit genügt heute nicht mehr. Präsenz im Web ist für die meisten Unternehmen heute überlebenswichtig. Und irgendwann hatten wir das Internet in der Hosentasche … Es war ein berauschendes Gefühl, das einherging mit der Überzeugung „Alles ist möglich, und Arbeiten wird noch viel toller“. Aber irgendwann in diesen 10 Jahren wurde aus dem „Hurra, ich kann überall arbeiten“ ein „Huch, ich MUSS ja überall arbeiten“ – auf Reisen, in der Freizeit, im Urlaub, im Bett, in Arbeitspausen (paradox). Und damit entstanden Stressoren, die es bis dahin in der Form noch nicht gab. Statt Arbeit und Freizeit zu trennen, müssen wir heute unsere „Lebensbalance“ finden – die Zeiten von „Work-Life-Balance“ sind vorbei (was eh ein seltsamer Ausdruck war: Arbeit gehört schließlich auch zum Leben).

Warum ist das so? 
Die Entgrenzung der Arbeitszeit erfordert einen selbständigen erwachsenen Umgang mit der potenziellen Permanent-Erreichbarkeit, den noch längst nicht alle gelernt haben – genau so wenig wie den Mut zur Selektion angesichts von 200 eMails pro Tag oder das Rückgrat zum Grenzen-Setzen angesichts immer höherer Zielvereinbarungen („Chef, ich kann nicht mehr“).

Was wünschen Sie sich persönlich für 2025 in Bezug auf Ihre Arbeit?
Ich möchte weiterhin dazu beitragen, dass sich Menschen in der Arbeitswelt wohl fühlen. Dafür ist wichtig: Dass ich weiterhin Freude daran habe und mir vorstellen kann, lustvoll bis 2045 weiter zu arbeiten. Dass ich meine Arbeit im Griff habe (statt umgekehrt). Dass ich mir genug Zeit zum Reflektieren nehme – und dementsprechend Freude daran habe, an der Befragung „Arbeitsvisionen2045“ teilzunehmen … ☺

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Ihnen gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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