Prof. Dr. Gunter Dueck – Mathematiker, Ex-CTO bei IBM und selbstständiger, kritischer Unruheständler

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Prof. Dr. Gunter Dueck - Mathematiker, Ex-CTO bei IBM und selbstständiger, kritischer Unruheständler

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


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Bildquelle: commonlense.de

 

Prof. Dr. Gunter Dueck

ist philosophischer Mathematiker (wer mich kennt, weiß warum ich darauf hinweise 😉 ), war z.B. Professor in Bielefeld und in seinem Arbeitsleben zuletzt CTO von IBM-Deutschland. Heute ist er kritischer Betrachter und Kommentator der Schnittstelle zwischen technologischen Entwicklungen - wie dem alten „Neuland“ Internet - und menschlichen Entwicklungen - so z.B. dem Umgang von uns Menschen mit dem Phänomen „Internet“. In dieser Rolle ist er trotz seines Ruhestands im permanenten Unruhestand und regt damit, nicht nur mich, immer wieder zur Reflexion an.


Lieber Herr Prof. Dr. Dueck, ich freue mich sehr, dass Sie sich bereit erklärt haben Ihre Gedanken und persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Ihnen spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Überforderung & Stress
  • Schere zwischen Hochprofessionellen und Prekären
  • Komplexität

Was verbinden Sie mit diesen Begriffen? 
Die Arbeitswelt ist seit einiger Zeit der festen Meinung, den disruptiven oder revolutionären Veränderungen der Internetzeit mit mehr Arbeitsdichte, Optimierung im Kleinen und mit unbezahlten Überstunden zu begegnen, für man die Mitarbeiter extrameilenbegeistern muss. Den wirklichen Wandel besteht man so ganz bestimmt nicht, aber man weiß sich wohl keinen besseren Rat. Etwas überspitzt: Die Arbeit teilen sich bald Menschen, die Computern Befehle geben, mit solchen, die von Computern Befehle bekommen (Postboten, Bankberater, Autoverkäufer, immer mehr Berufe erfasst das). Die eine Arbeit wird ständig komplexer und verlangt hochprofessionelle Fähigkeiten (Überzeugen, Verhandeln, Entscheiden, Managen, Führen, Projekte leiten etc.), die andere Seite wird immer simpler bis hin zur Halb- und schließlich Ganzautomation. Die Hochprofessionellen gibt es viel zu wenig, also versinken die, die heute in einem Top-Job sind, oft in Stress und manchmal in Burnout, die am unteren Ende bekommen den Stress einfach über Druck und Hetze.

Was denken Sie, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Bei IBM sind wir immer gefühlt 10 Jahre eher mit der neuesten Technologie dran gewesen als durchschnittlich woanders, da könnte sich jeder Zukunftsforscher einfach einen Tag in ein IBM-Großraumbüro setzen und sich alles anschauen: Man arbeitet eben hauptsächlich an Koordination, Abstimmungen, Verhandlungen etc., an allem, was nicht Routine ist. Wenn ich das in Reden erkläre, wallt mir Unglaube entgegen – aber es ist doch heute schon in manchen Firmen so, wie in den restlichen dann in 10 Jahren. Man muss mich gar nicht fragen, einfach schauen!

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Als ich 1990 Manager wurde, bekam ich eine Assistentin, weil ich ja Chef von echt sieben (!) Mitarbeitern war. Die Assistenzsarbeiten fielen so langsam nach und nach der Technologie zum Opfer. Bald hatten untere Manager nur noch marginale Sekretariatsunterstützung, allenfalls „Execs“ bekamen die, und ich wurde immer gerade so schnell befördert, dass es bei mir immer so blieb! Wegen der Technologie kann ich ja alles fast selbst schneller machen als es jemanden anders erklären. Ich kann schneller Flüge buchen als erklären, wohin ich wann will. Ich kann schneller etwas im Procurement-System einkaufen als es jemandem anordnen. Ich muss nicht mehr so lange nachfragen und suchen, ich finde es ja direkt. Das merken die Systeme und lassen mich nun immer mehr selbst machen. Die Arbeit zerfließt gefühlt zu sehr. Ich bin immer an irgendwelchen Abläufen dran und sitze in Meetings, um Ausnahmen zu klären. Alles ist irgendwie immer dringlicher und wird dadurch wichtiger, als es ist…
Ist das nur die Technologiewirkung? 
Nein, es geht hauptsächlich um die Industrialisierung der Dienstleistungen – nach denselben Prinzipien wie beim Lean Management in der Industrie. Dort beginnt schon die Industrie 4.0 mit der Vollautomatisierung. Manche Jobs oder Tätigkeiten lassen sich ganz gut industrialisieren, die hochprofessionellen aber nicht. Aber man versucht es! Schrecklich. Man müsste noch einmal neu über die Arbeit nachdenken. Mein neues Buch erscheint Anfang 2015, es widmet sich der „Schwarmdummheit“.

Was wünschen Sie sich persönlich für 2025 in Bezug auf Ihre Arbeit?
Ich bin ja heute selbstständig, das ist anders. Ich kann alles so abarbeiten, wie ich mag. Ich kann arbeiten, so viel ich will. Als Angestellter stöhnt man oft über an einem Zuviel an Arbeit und bekommt „die Krise“. Als Selbstständiger ist Arbeit erst einmal „ein Auftrag“, das fühlt sich wirklich gut an. Es ist jetzt mehr so, wie es sein sollte.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Ihnen gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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