Dr. Bernd Slaghuis – Coach, Organisationsberater & Führungskräfte-Entwickler

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Dr. Bernd Slaghuis - Coach, Organisationsberater & Führungskräfte-Entwickler

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Bernd-Slaghuis-200x300Dr. Bernd Slaghuis

hat sein Arbeitsleben, bevor er sehr erfolgreich ins Coaching einstieg, als Führungskraft in der Unternehmensentwicklung eines Versicherungskonzerns verbracht. Als Wirtschaftswissenschaftler ist er heute nicht nur als Coach, sondern auch als Organisationsberater und Führungskräfte-Entwickler tätig, daneber betreibt er seinen eigenen Karriere-Blog "Perspektivwechsel".  


Lieber Herr Dr. Slaghuis, ich freue mich sehr, dass Sie sich bereit erklärt haben Ihre Gedanken und persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen.

Welche 3 Begriffe fallen Ihnen spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Flexibilität
  • Individualität
  • (Selbst-)Verantwortung

Was verbinden Sie mit diesen Begriffen? 
Die Dynamik der Märkte, die zunehmend leichtere Imitierbarkeit von Produkten und Strategien und somit die Verkürzung von Produktlebenszyklen werden dazu beitragen, dass Unternehmen immer  flexibler (re-)agieren müssen, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen bzw. ihre heutige Marktposition zu halten. Dies wird auch einen höheren Grad an Flexibilität im Management und bei Mitarbeitern erfordern. Nur wer in der Lage ist, in der sich weiter digitalisierenden und vernetzenden Arbeitswelt schnell und flexibel agieren zu können, wird im Wettbewerb bestehen können. Flexibilität bedeutet aus meiner Sicht die Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit und gleichzeitig zielgerichtet neue Handlungsspielräume zu erkennen und diese auch konsequent umzusetzen. Individualität resultiert aus den gleichen Entwicklungen. Denken Sie an die Automobilindustrie oder inzwischen sogar an Versicherungsprodukte. Wir als Konsumenten wählen, was wir brauchen und bekommen ein individuell zugeschnittenes Produkt. Eine individuelle Tarifierung von Versicherungsrisiken für Jedermann war vor einigen Jahren noch undenkbar. Diese Individualität wird sich auch auf das Arbeiten in den nächsten Jahren auswirken. Es wird darum gehen, Mitarbeiterressourcen individuell, zielgenau und ressourcenorientiert genau dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden. Die Formen der Zusammenarbeit werden sich verschieben, interdisziplinäre Experten- und Projekt-Teams werden weiter an Gewicht gewinnen, um Probleme wirksam zu lösen. Mitarbeiter werden mehr als heute gefordert sein, sich flexibel auf neue Aufgaben einzustellen. Das starre Denken in Stellen und Hierarchien insbesondere auf höheren Fach- und Führungsebenen wird wahrscheinlich abnehmen. Diese Entwicklungen, die ich auch in den letzten Jahren schon beobachte, stressen heute viele Menschen und machen sie krank. Flexibilität ist nicht unsere Stärke – bzw. die unseres Gehirns. Die Geschwindigkeit im Außen hat uns überholt. Ich bin Jahrgang 1972 und kenne die Zeit ohne Computer. Heute erscheinen auf meinem iPad jeden Tag mindestens 5 neue Updates für Apps, wir schauen Filme aus der Online-Mediathek, wenn uns danach ist und dank Napster & Co. kennen wir bald nicht einmal mehr eine CD. Während sich früher Familien um 20 Uhr vor der Tagesschau getroffen haben, wischen wir heute durch unsere Twitter-Timelines und konsumieren nur solche Nachrichten, die uns interessieren. Das ist Wahnsinn – in der Kürze der Zeit! Unser Gehirn hat leider in dieser Zeit nicht so viele Updates erhalten. Jedes Verlassen der Komfortzone bedeutet Stress und wenn wir uns schon für etwas entscheiden müssen, dann möchten wir bitte vorher alle Informationen beisammen haben. Wer es in diesem Umfeld nicht schafft, die Selbstverantwortung und das Bewusstsein für die eigenen Werte und Ziele für sich und sein Leben und damit auch für sein Verhalten im Job zu übernehmen, wird noch stärker als bisher unter die Räder kommen. Das eigene Bewusstsein über das, was jedem von uns im Job wichtig ist und was erfüllt sein sollte, damit wir zufrieden sind und gesund bleiben wird in 2025 (hoffentlich) stärker als heute ausgeprägt sein. Das verbinde ich mit der Verantwortung für sich selbst.

Was denken Sie, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Die Sicht in die Glaskugel ist schwierig. Sicher erscheint mir, dass die Dynamik und damit die Verkürzung von Aktions- und Reaktionszeiten noch weiter zunehmen werden und das Arbeiten noch stärker global verteilt und gleichzeitig vernetzt erfolgt, die Geschwindigkeit von Arbeitsprozessen nimmt damit weiter zu. Menschen werden geografisch dort an Produkten und Dienstleistungen arbeiten, wo zum einen dieses Wissen verfügbar ist und zum anderen wo dies besonders effizient möglich ist. Dies wird uns vielleicht auch wegführen von der heute noch verbreiteten Arbeit für Anwesenheitspflicht hin zu mehr Arbeit für Ergebnisse. Ob das zu einem Ausbau von mehr Homeoffice oder gänzlich flexiblen Bürozeiten führt, wird spannend sein, zu beobachten. Ich bin gespannt auf unsere gemeinsame Rückschau in 10 Jahren!

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Ich habe den Eindruck, dass insbesondere in Unternehmen mit Tradition ein großer Teil von „Spirit“ und Zusammenhalt verloren gegangen ist. Die Mitarbeiter und das Management als große Familie im Unternehmen ist vielfach Geschichte. Es herrscht stattdessen mehr Ellenbogen-Mentalität und viele der Top-Entscheidungen werden heute in der Breite weder getragen noch verstanden. Das erzeugt Frust und Demotivation. Die Mehrzahl meiner Beratungs- und Coaching-Anfragen von Unternehmen haben das Ziel, Mitarbeiter wieder stärker zu motivieren, sie an Entscheidungen wieder teilhaben zu lassen und neue kooperative und gesunde Führungskulturen zu etablieren. Hier ist durch die Effizienzprogramme und Industrialisierungen der letzten Jahre auch viel wertvolles Porzellan zugunsten von Rendite zerschlagen worden, was nun wieder zusammengekittet werden soll. Es ist Fakt, dass die arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen und Fehlzeiten in den letzten Jahren drastisch zugenommen haben - und dies auch in rosigen Arbeitsmarktzeiten. Eine positive Entwicklung: Viele Unternehmen investieren in den letzten Jahren gezielt in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter, hier haben ja auch die gesetzlichen Möglichkeiten des betrieblichen Gesundheitsmanagements gute Rahmenbedingungen geschaffen. Gleichzeitig beobachte ich auch Unternehmungen, die radikal neue Wege einschlagen. Einige prominente Beispiele haben auch schon die vorigen Interview-Partner aufgeführt. Unternehmer, die Hierarchien komplett abschaffen, Mitarbeiter über die Höhe ihrer Spesen bei Dienstreisen oder gar ihr eigenes Gehalt bestimmen lassen und Unternehmen, die auch in der Mitarbeiterführung und im Recruiting 180-Grad-Wendungen vollziehen. Ob das alles so richtig ist und gut funktionieren wird, das wird die Zeit zeigen. Aber es sind neue Wege, die meine drei obigen Begriffe unterstützen. Flexible und individuelle Unternehmens- und Mitarbeiterführung mit einem hohen Grad an Selbstverantwortung jedes Einzelnen. Zusammengefasst sehe ich also ein sehr gespaltenes Bild: Solche Unternehmen, die in den letzten Jahren immer hektischer und oft auch ziemlich kopflos versuchen, den gewohnten Weg beizubehalten und sich in Baustellen-Management und dem Löschen von Bränden üben - nach dem Motto „Wir machen einfach weiter mehr von dem, auch wenn es nicht mehr funktioniert.“ Auf der anderen Seite fallen insbesondere medial unterstützt solche Unternehmen auf, die radikal neue Wege einschlagen. Einige von ihnen kehren nach kurzer Zeit wieder um, bei anderen ist das alles eine große Image-Luftblase, bei wieder anderen zeichnet sich offensichtlich unternehmerischer Erfolg hierdurch ab.

Warum ist das so? 
Unternehmen durchlaufen verschiedene Phasen der Entwicklung. Und Unternehmen werden von Menschen geführt (ach was!). Stellen Sie sich einen Mittelständler vor, familiengeführt, an der Spitze sitzt der 60-jährige Senior-Chef. Als Gegenbeispiel nehmen wir eine kleine Social-Media-Agentur, gegründet vor 5 Jahren, geführt von einem 30-Jährigen. Die Wertekultur beider Unternehmen sowie die Arbeitsweisen werden sich wahrscheinlich grundlegend unterscheiden. Ebenso die Fähigkeit, flexibel auf die Dynamik von Märkten und Kunden zu reagieren. Es ist anzunehmen, dass dies dem jungen Chef eher gelingen wird. Vielleicht aber auch nicht, sondern gerade dem Senior-Manager, der auf viele Jahre Erfahrung zurückblicken kann und genau weiß, wie er auf bestimmte Entwicklungen reagieren muss. Hinzu kommt aus meiner Erfahrung die Größe eines Unternehmens. Ein DAX-Konzern mit über 50.000 Mitarbeitern ist ein großes, schweres und damit träges Schiff, was zwar recht sicher durch die Meere fährt, dessen Kurs sich aber nicht von heute auf morgen verändern lässt. Einige Unternehmen sind bereits auf einem hohen Entwicklungsstadium und daher in der Lage, zeitnäher auf die Veränderungen der letzten Jahre zu reagieren und den Kurs flexibler anzupassen. Andere hinken hinterher, können aber trotzdem das gleiche Ziel ansteuern. Ich glaube, das ist ganz normal und es braucht beide Ausprägungen. So, wie es auch Menschen gibt, die lieber in einem großen DAX-Konzern arbeiten und solche, die sich in aufstrebenden Start-ups wohlfühlen. Es darf und kann nicht das Ziel sein, jedem Unternehmer schnellstmöglich die sogenannte NewWork überzustülpen. Genauso wenig müssen erfahrene Fach- und Führungskräfte plötzlich so ticken wie die jungen Mitglieder der Generation Y. Wir brauchen Vielfalt von und in Unternehmen. Denn nur so gibt es einen gesunden Mix aus Erfahrung, Entwicklungspotenzial und frischem Wind.

Was wünschen Sie sich persönlich für 2025 in Bezug auf Ihre Arbeit?
Flexibilität, Individualität und Selbstverantwortung 😉 Und weiterhin viel Freude an meiner Arbeit.

Vielen Dank für Ihre Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2024 mit Ihnen gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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