Guido Bosbach – Organisationsmentor & -gestalter, Initiator der „ArbeitsVisionen2025“

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Guido Bosbach - Organisationsmentor & -gestalter, Initiator der "ArbeitsVisionen2025"

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Bosbach01-vor-f3f3f3Guido Bosbach

Ich bin Initiator der ArbeitsVisionen2025, Organisations-Analyst, -Mentor, -Gestalter, -Ideengeber mit Fokus auf Vision, Kultur & Führung und Themen wie "Bonding Organizations". Die Zukunft unserer Arbeit, mit allen Aspekten und Herausforderungen ist ein breites und extrem spannendes Arbeitsgebiet - und meine Leidenschaft.  


Auch ich möchte meine Gedanken, persönliche Erwartungen und damit eine Perspektive in die ArbeitsVisionen2025 Diskussion einbringen. 

Diese 3 Begriffe fallen mir zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Freiraum
  • Verbundenheit
  • Big Picture

Was ich mit diesen Begriffen verbinde: 
Eine der großen Fragen in Bezug auf unser Arbeiten in 2025 ist zweifellos, wie Menschen und (Kommunikations-)Technologie zusammenwirken werden. Der Kern vielen Entwicklungen ist das Internet und hier steckt der nächste große Schritt, das „Internet der Dinge“, gerade erst noch in den Startlöchern. Mit ihm wird sich das ambivalente Verhältnis, dass wir zu diesem Thema haben, weiter verstärken. Wir werden deutlich mehr und gleichzeitig unmerklicher durch und mit Technologien interagieren, die wir heute noch gar nicht kennen. Wir werden von ihnen wir immer abhängiger und gleichzeitig werden viele der kommenden Entwicklungen unser Zusammenleben sehr vereinfachen. Und natürlich werden diese Entwicklungen großen Einfluss auf unsere Arbeit nehmen. Uns Menschen tut ausreichender Freiraum gut. Die technologische Entwicklung hat uns immer wieder die Möglichkeit für mehr Freiraum beschert - auch wenn wir ihn nicht immer nutzen. Moores Law gibt Anlass zu glauben, dass uns weiterhin immer schneller, immer mehr dieses Freiraums zur Verfügung stehen könnte. Ich schreibe bewusst „könnte“, denn gleichzeitig ermöglicht Technologe grundsätzlich immer auch mehr Überwachung und Kontrolle. Dieses Wechselspiel und die Chancen und Risiken sollten wir im Auge behalten. Gelingt es uns die Vorteile des neuen Freiraums zu nutzen, so können wir auch unsere Arbeit befreien. Wir können Arbeit dann so gestalten, dass die Potenziale, Talente und Energien des Einzelnen stärker einfließen können.
Die positivste Auswirkung ist wohl, dass wir die Chance haben mehr Selbstverantwortung und mehr Kontrolle über unser Leben zu erhalten und damit verbunden das Gefühl von wachsender Selbstwirksamkeit. Mehr FreiRaum wird auch zu veränderten Werten und einer veränderten Kultur in den Organisationen führen. Hier liegt das größte Angstpotenzial, weil diese Veränderungen die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens direkt betreffen. Die Entwicklung hin zu mehr Potenzialnutzung und Selbstwirksamkeit wird zu mehr Selbstbewusstsein des Einzelnen führen, und damit direkt und indirekt die Machtpositionen in Organisationen verändern. Während technische Kommunikationstechnologien sich rapide verändern und damit gesellschaftliche Entwicklungen erst ermöglichen, tun wir uns mit einer anderen „(un-)menschlichen“ Technologie vermutlich weiterhin schwer, der Managementtechnologie. Bis heute führen wir Organisationen nach den gleichen Grundprinzipien wie vor hundert Jahren und haben nur an einigen wenigen Stellen digitale Technik zu Hilfe geholt. Die alten omnipräsenten Managementstrukturen spiegeln noch heute ein Gesellschafts- und Arbeitsverständnis wieder, dass so nicht mehr gilt. Ich hoffe, dass wir uns hier bis 2025 schneller weiterentwickeln. Verbundenheit ist für mich der in Zukunft so dringend benötigte Kleber zwischen Menschen, Technologie, Werten und Führung. Verbundenheit gibt uns die Sicherheit, die wir als die Basis für mehr Mut zur Veränderung (auf allen Ebenen) benötigen. Wenn die MitWirkenden in einer Organisation das gleiche Ziel erreichen wollen, sich verbunden fühlen und diese Verbundenheit sichtbar wird, dann kann eine solche Organisation unglaubliches erreichen. So entstehen Hochleitungsteams. Vielfach werden heute offene selbstorganisierte Netzwerkstrukturen als geeignetes Zukunftsmodell propagiert. Folgt man diesem Ansatz vergisst man leicht, dass die Menschen in diesen Netzen, um wirklich intensiv an den gleichen Zielen arbeiten zu können, eben auch ein großes Maß an  Verbundenheit brauchen, die auch Organisationsgrenzen überwindet. Im besten Fall umfasst sie alle Stakeholder, also alle die unmittelbar oder mittelbar mit der Organisation in Beziehung stehen. Ein ganz anderes Thema: Wir werden in der Zukunft viel mehr Menschen brauchen, die in der Lage sind, das große Bild, das Big Picture, zu sehen und die immer komplexeren Zusammenhänge zu verstehen und für die anderen zu visualisieren und zu „übersetzen“. Es wird Menschen (nicht Computer) brauchen die, von Technologie wie Big Data unterstützt, erfassen und analysieren können, wie interne und externe Netzwerke zusammenwirken, wer wann wo und wozu gebraucht wird, wo diese Menschen zu finden sind usw.. Es wird menschliche Kreativität brauchen hier die optimalen Lösungen zu erkennen. Computer werden zum Beispiel auf absehbare Zeit kaum verstehen können, wann welche Lernerfahrung, oder welcher "Fehler", anderen nützlich sein kann. Diese „Überblicker" sollten auch die Wirkung von Maßnahmen eines Unternehmens auf dessen Umfeld und die Gesellschaft im Blick haben. Dies hilft die immer knappen werdenden Ressourcen der Menschheit optimal zu nutzen. Eine emphatische und systemische Betrachtung der komplexen und sich dynamisch verändernden Rahmenbedingungen wird es Organisationen ermöglichen wirklich nachhaltig zu agieren.

Was ich denke, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten: 
Manchmal frage ich mich: Wird sich überhaupt noch etwas ändern? Sind wir als Menschen nicht viel zu entwicklungsträge und veränderungsunwillig? Doch dann blicke sich auf meinen Rechner und sehe wie sehr Technologie heute jeden Tag als Veränderungstreiber wirkt. Wir werden uns (zu Recht) immer mehr getrieben fühlen, da wir als als Gesellschaft zu schwach sind (und auch schlecht beraten wären), uns von der technologischen Entwicklung abzukoppeln. Wir sind also Treibende und Getriebene zugleich. Technologie wird, wie oben gesagt, indirekt die Werte und unsere Kultur verändern. Nicht weil wir es möchten, sondern weil Technologie möglich ist und damit in vielen Bereiche unseres Lebens präsent sein wird. Häufig zu unserem Vorteil, manchmal zu unserem Nachteil. Auch wenn die Auswirkungen der digitalen Transformation überall sichtbar sein werden, so wird für Viele Arbeit weiterhin bedeuten einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit aufzusuchen, allein weil Handwerk, Produktion, und viele (insbes. auch soziale) Dienstleistungen dies bedingen. Allerdings werden „Wearables“ und Organisationskonzepte die z.B. an ROWE (Results-Only Work Enrironment = das Ergebnis zählt) angelehnt sind, deutliche Innovationen im alltäglichen Umgang mit Arbeits- und Nicht-Arbeitszeiten mit sich bringen. Für andere wird der neue Freiraum noch deutlich sicht- und fühlbarer. Viele Wissensarbeiter, die ihre Aufgaben auch heute schon am Computer erledigen, werden in der Wahl ihres Arbeitortes, der Arbeitszeit, der Arbeitsweise und ihres Arbeitsgerätes freier sein. Gleichzeitig wird für viele zunehmend selbstverständlich, ihre Aufgaben in (oftmals auch weltweit) vernetzen Strukturen gemeinsam zu meistern. Teamstrukturen werden aus den oben angesprochenen internen und externen Netzwerken der Organisationen zusammengestellt und verändern sich über die Zeit stärker als bislang gewohnt. Die, wie ich finde, absolut spannendste Herausforderung für Führungskräfte und Personaler wird es (quasi ab sofort) sein, diese Netzwerke aufzubauen. Verbundenheit in Vision, Kultur und Werten wird dabei genauso wichtig sein, wie die richtigen Skills zu besitzen. Denn gerade die sog. „externen“ Mitarbeiter werden sich nur einbringen, wenn entweder der (dann sehr hohe) Preis stimmt, oder sie den Sinn in der Tätigkeit erkennen. Mit diesen Anforderungen wird sich auch Führung verändern. Wie brauchen weniger Manager (die etwas richtig tun) und mehr Leader (die das Richtige tun) und wohl noch mehr Facilitator und Enabler (die die Menschen in ihrem Umfeld so fördern, dass diese Leader werden und „das Richtige tun“). Denn nur so gelingt es ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem große Energien große Leistungen bewirken. Damit wird immer klarer, welche enormen Anforderungen diese sich verwandelnde Arbeitswelt auch auf den Bereich Bildung hat. Hier hoffe ich werden wir auch deutliche Entwicklungen sehen. Unser Schulsystem - dass bis heute auf dem preußischen Ansatz beruht Menschen für die Arbeit „einzurichten“ - wird deutlich stärker als bisher auf die Freiräume und Technologien vorbereiten müssen. Die Förderung von individuellen Begabungen, statt der heute vollkommen „ungleich betriebenen Gleichmacherei“, sollte meiner Meinung nach das Ziel sein. Unsere Zukunft, die Entwicklung der Kompetenz der Kinder unserer Gesellschaft, sind uns in zehn Jahren hoffentlich deutlich mehr Wert als wir hier heute investieren.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Ein paar Beispiele und warum sich alles verändert. 
Vor knapp zehn Jahren, im Herbst 2005, war ich Teil des Projektteams, dass bei der Deutschen Telekom den mobilen Zugang zum Internet (web’n’walk) marktreif gemacht hat. Heute, in einer Welt der Tablets und Smartphones, ist dies eine dieser alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Das zeigt wie schnell sich neue Themen etabliert und das Verhalten und die Einstellung von Menschen zu Technologie verändert haben. Damals durfte ich einer der Wegbereiter sein und war damit, wie so oft bei neuen Technologien, nicht nur an der „leading edge“ sondern wir hatten auch ab und an eine „bleeding nose“, weil neue Ideen auch immer Bremser und Verhinderer auf den Plan rufen. Auch in anderen Bereichen habe ich die Zukunft schon vorwegleben dürfen. So habe ich immer in internationalen Projektstrukturen gearbeitet. Hier gab es zwischenzeitlich eine verstärkte Bürokratisierung - um, vermeintlich, die Kontrolle zu behalten. Glücklicherweise sehe ich da mit der Zunahme an agilen Methoden wieder eine Gegenbewegung. Im Bereich der Organisationsstrukturen ist auch vieles passiert - bzw. vielleicht ist es einfach nur präsenter, da sich Kommunikation so rasant verändert hat. Themen wie ROWE (Results-Only Work Environment), TOWE (Trust-Only…), EFCS (Employees First Customers Second) waren vor zehn Jahren deutlich weniger verbreitet. Wie in vielen anderen Bereichen ist dieses Wissen heute für alle verfügbar, was die Entwicklungen einerseits behindert - weil unklar ist, welche Lösung die geeignetste ist. Andererseits ermöglicht dies auch viele Entwicklungen erst, weil klar wird, dass man immer eine organisationsindividuelle Lösung finden muss. Hier schimmert der roten Faden durch, der sich durch (fast) alle bisherigen (und viele kommenden)  Interviews zieht: Die Komplexität der Anforderungen ist gestiegen, die Dynamik nimmt zu, genau wie das verfügbare Weltwissen. Dies alles trifft auf alte etablierte Strukturen und unser menschlichen (Un-)Vermögen. Eddie Obeng hat das wunderschön in seinem TED Talk zum „World After Midnight/Smart Failure“ verarbeitet, in dem er zeigt wann (um "Mitternacht") die Fähigkeit wissensbasiert entscheiden zu können, von dem verfügbaren Wissen quasi „überholt“ wurde. Ähnlich wunderbar hat er die täglichen „Time Traveller / Generation Tomorrow“ sichtbar gemacht. Viele von uns (gerade die Wissensarbeiter) leben privat im 21. Jahrhundert und arbeiten in und mit Systemen des 20. Jahrhunderts.

Was ich mir persönlich für 2025 in Bezug auf meine Arbeit wünsche:
Vor allem wünsche ich mir, auch dann noch, möglichst viele Organisationen und damit möglichst viele Menschen zu unterstützen, ihre Zukunft sicher zu gestalten - denn Sicherheit wird das Schlüsselelement für unser ZusammenWirken bleiben.

Ich freue mich schon jetzt darauf im Jahr 2025 zurückzublicken und zu erkennen, wo ich besser hingeschaut hätte.

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