Bernd Oestereich – Gründer, Ex-Geschäftsführer & Genossenschaftsmitglied der oose e.G.

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Bernd Oestereich - Gründer, Ex-Geschäftsführer & Genossenschaftsmitglied der oose e.G.

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


bernd-oestereichBernd Oestereich

kaufte mit 16-jährig eine kleine alte Offsetdruckmaschine und gründete im Kinderzimmer seine erste Firma. Später schrieb er Sach- und Fachbücher zu Themen, die er besser verstehen wollte. Noch später gründete er „oose - innovative Informatik“. 2010 gab er die Geschäftsführung an Mitarbeiter ab und 2014 konnten die Mitarbeiter das Unternehmen in Form einer neu gegründeten Genossenschaft komplett in Besitz nehmen.


Lieber Bernd, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Netzwerk-Organisationen
  • Netzwerk-Gesellschaft
  • Netzwerk-Ökonomie.

Was verbindest Du mit diesen Begriffen? 
Die von oben nach unten wirkende Linienorganisation, wie sie die meisten unserer Unternehmen heute immer noch haben, wird den aktuellen Komplexitäts- und Dynamik-Anforderungen nicht mehr gerecht. Von außen nach innen wirkende Führungs- und Organisationsstrukturen erscheinen mir erheblich leistungsfähiger und zukunftsfähiger. Daher glaube ich, dass immer mehr Unternehmen sich in diese Richtung verändern werden. Zum anderen werden Organisationen immer durchlässiger, die inhaltlichen, formalen, zeitlichen und strukturellen Grenzen zu Zulieferern, Partnern, Kunden und selbst Mitbewerbern verschwimmen immer mehr bzw. die Abhängigkeiten werden immer feingliedriger. Es entstehen zusätzlich zu herkömmlichen Unternehmensorganisationen und klassischen Märkten immer mehr komplexe Netzwerkorganisationen, die anderen Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten folgen. Der Effizienzvorteil von Organisationen, nämlich niedrigere Transaktionskosten zu haben als reine Marktmechanismen, relativiert sich. Netzwerkorganisationen wiederum können die Vorteile ihrer loseren Kopplung als Plug-and-Play-Organisationen als Flexibitätsvorteil ausspielen. Die ökonomischen Spielregeln ändern sich. Und das hat dann wiederum Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Mehr in Netzwerk- statt in Linienorganisationen. Loser gekoppelt, multidisziplinärer und in fluideren Konstellationen.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Das Internet ist vom Kommunikationskanal und virtuellen Medium zum integrierten Lebens- und Wirtschaftsraum geworden – unsere physische Realität wird mit dem Internet der Dinge und mobiler Breitbandkommunikation gerade in die virtuelle Welt integriert oder von ihr assimiliert. Die Innovationsmöglichkeiten in Unternehmen steigen. Unternehmen müssen auch weiterhin sehr effizient sein, aber Effizienzorientierung alleine reicht nicht mehr. Ganze Geschäftsmodelle und Branchen werden obsolet, einfach dadurch, dass jemand eine gute Idee hat und sie umzusetzen vermag. Insofern werden Unternehmen zunehmend bereiter und offener für Experimente und auch für disruptive Ideen – nicht in allen Unternehmen und Branchen und insgesamt bislang nur schwach ausgeprägt, aber eindeutig zunehmend. Immer öfter berichten mir Kunden über entsprechende Entwicklungen in ihren Unternehmen. Für mein eigenes Umfeld gilt das auch, oose ist eine tolle Plattform, um Neues zu kreieren. Planung, Strategie und vor allem die Heuristiken, mit denen Unternehmen geführt und orientiert wurden, geben keine Sicherheit mehr, sondern werden selbst zum Risiko. Was bisher galt, muss jetzt nicht mehr gelten. Das betrifft Produktlebenszyklen, Konjunkturdaten, saisonale Zyklen, Markt- und Produktgrenzen etc. Viele Mitarbeiter und Manager sind deswegen zunehmend verunsichert, suchen noch nach Strohhalmen zum Festhalten, geraten in Krisen, während andere die Bewegungen und Veränderungen für sich zu nutzen suchen.

Warum ist das so? 
Uns sind die Monokausalitäten abhanden gekommen, wir können nicht mehr von Maßnahmen und Ursachen auf bestimmte Wirkungen schließen. Das alte Management- und BWL-Instrumentarium mit seinem Fokus auf quantitative Verfahren und Konzepte (Budgets, Zielvereinbarungen, KPIs etc.) versagt hier, dominiert aber immer noch die meisten Unternehmen. Mitarbeiter wie Manager können sich nicht mehr hinter Zahlen und Metriken verstecken, sie erhalten stattdessen mehr echte und eigene Verantwortung. Objektive Kriterien greifen nicht mehr, subjektiv sind sie aber unsicher und genau in solchen ungewissen Situationen müssen sie dann entscheiden – was viele als Überforderung erleben. Sowohl die Unternehmen als auch die Individuen stecken mitten in diesem Paradigmenwechsel, müssen neue Prinzipien und Strategien erproben und entwickeln.

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Dass ich und mein Umfeld (meine Kollegen, Kunden und Netzwerke sowie die Volkswirtschaft, deren Teil ich bin) die durch diese Krise entstehenden großartigen Chancen gut nutzen können.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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