Andreas Zeuch – Unternehmensberater und „Feel It!“ Buchautor

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Andreas Zeuch - Unternehmensberater und "Feel It!" Buchautor

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


andreas-zeuchAndreas Zeuch

ist selbstständiger Unternehmensberater und Buchautor. Sein Ziel ist mehr Selbstorganisation und Mitbestimmung in Unternehmen zu verankern, um so hier mehr Arbeitszufriedenheit, bessere Mitarbeiterbindung, Steigerung der Innovationskraft, Steigerung der Anpassungsfähigkeit & mehr Robustheit in dynamischen Märkten zu verwirklichen. Zusätzlich veröffentlicht er in seinem Blog „Zeuchs Buchtipps“ Rezensionen.


Lieber Andreas, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Unternehmensdemokratie
  • Professionelle Intuition

Was verbindest Du mit diesen Begriffen?
Unternehmensdemokratie markiert einen fundamentalen Paradigmenwechsel in mehrfacher Hinsicht: Erstens ganz offensichtlich einen Wandel hin zu echter Mitbestimmung und Partizipation. Weg von dem Ammenmärchen, Mitarbeiter wären zu inkompetent - vulgo: dumm - und zu desinteresssiert, um die Geschicke des Unternehmens verantwortungsvoll zu steuern. Strategieentwicklung ist ein gutes Beispiel: Das ist ja angeblich die Königsdisziplin des Managements. Ein reinrassiger top-down Prozess. Etwas für die Geschäftsführung oder den Vorstand unter der Leitung waschechter „Strategie-Berater“. Das ist dann auch gleichzeitig der Lakmus-Test für echte Unternehmensdemokratie: Wird dieser Prozess gemeinsam mit interessierten MitarbeiterInnen durchgeführt, oder verbleibt diese Aufgabe die letzte Bastion tayloristischer Trennung von Denken und Handeln? Zweitens spreche ich heute ganz bewusst immer öfter von Unternehmensdemokratie statt von der weniger provokanten Selbstorganisation. Die kommt ja bekanntermaßen aus der Systemtheorie und ist vielmehr ein wissenschaftlich anmutender Begriff. Das steckt viel weniger das große, zu lösende Problem der Machtverschiebung drin. Unternehmensdemokratie macht viel deutlicher, dass es um eine Er-Mächtigung aller MitarbeiterInnen geht, was im Umkehrschluss heißt: Das Top-Management gibt von seiner Macht ab. Und das ist ein großer, sehr großer Schritt in Richtung einer völlig anderen Form der Unternehmensgestaltung und -steuerung. Unternehmensdemokratie ist für mich der menschlichere und spezifischere Begriff. Selbstorganisation hat da aus meiner Sicht eher eine biologische oder sozialwissenschafftliche Anmutung.
„Professionelle Intuition“ meint erstens einen professionellen Umgang mit intuitiv-emotionalen Aspekten der Entscheidungsfindung und zweitens die Anwendung der Intuition im beruflichen Umfeld. Verrückterweise gilt ja bis heute der Vorrang rationaler Entscheidungsfindung in der Betriebswirtschaft. Das ist dann auch gleich ein herrlich ironischer Beleg für den Irrtum rationaler Urteile und die Bedeutung emotionaler Aspekte. Da werden in der Betriebswirtschaft einfach 40 Jahre empirisch belegter Forschung mit hunderten von Experimenten ignoriert. Gerade so, als ob in Unternehmen Roboter oder Computer die großen langfristigen und vielen kleinen täglichen Entscheidunge treffen würden. Warum aber wird Intuition zunehmend wichtiger? Weil wir zunehmend mehr mit Unsicherheit in Form von Nichtwissen konfrontiert werden. Unsere Welt verwandelt sich immer mehr in eine VUCA Welt: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Ein Stichwort soll hier reichen: Datenflut. Wer kriegt heute schon bedeutend weniger Emails als vor 10 Jahren? Und das bei gleichzeitig sich immer weiter beschleunigenden Produktions- und Arbeitszyklen. Sprich: Wir müssen in immer kürzerer Zeit unter zunehmender Unsicherheit entscheiden. Da ist es eine recht alberne Illusion, mit Big Data alleine das Problem lösen zu können.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Keine Ahnung. Prognosen sind nicht meine Sache. Denken kann ich mir da viel. Und offizielle Aussagen über unsere zukünftige Arbeit gibt es ja auch wie Sand am Meer. Da kann sich jeder aussuchen, was er oder sie gerne hätte.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Find ich schwierig zu beurteilen, ich hab da ja nur meinen subjektiven, äußerst beschränkten Blick drauf. Was mir auffällt ist eine steigende Offenheit und ein zunehmendes Interesse am oben genannten Thema professioneller Intuition. Ein Beispiel: Im Oktober war ich von einer der großen Major Consulting Firmen in Wien zu einer Podiumsdiskussion eingeladen - als Experte für Intuition in Führung und Unternehmen. Was ich dabei spannend fand: Die Leiterin der österreichischen Sektion sprach in ihrer Einführungskeynote explizit über die zunehmende Bedeutung der Intuition. Ich bekam fast den Eindruck, als ob ich mir ein anderes Thema aneignen müsste, denn anscheinend bin ich mit der Intuition im Mainstream angekommen. Solche Aufträge kommen bei mir meistens aufgrund meines letzten Buches „Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen“. Interessanterweise habe ich dieses Jahr deutlich mehr Anfragen bekommen als zuvor. Ob das nun einen stabilen statistischen Trend ausmacht ist allerdings zweifelhaft. Ähnlich verhält es sich mit der Unternehmensdemokratie. Gerade in den letzten drei, vier Jahren glaube ich zunehmend mehr Unternehmen zu sehen, die sich eine weitreichende Mitbestimmung auf die Fahnen schreiben. So wie das Semco aus Brasilien mit mittlerweile rund 3000 MitarbeiterInnen weltweit seit vielen Jahren erfolgreich vorlebt, beginnen Unternehmen in anderen Ländern diese Bewegung aufzunehmen. In Deutschland rühren vor allem sehr kleine Unternehmen erfolgreich die Selbstvermarktungstrommel: Dark Horse Innovation, OOSE, Partake, Vollmer & Scheffczyk. Kritisch muss man einräumen, dass es natürlich noch nicht dir große Kunst ist, in einem 30 Mann Unternehmen alle ernsthaft bei Entscheidungen zu beteiligen. Aber es gibt auch Unternehmen jenseits von 100 MitarbeiterInnen, die Unternehmensdemokratie erfolgreich realisieren. Genau darüber werde ich in meinem nächsten Buch ausführlich berichten.

Warum ist das so? 
Zunächst zur professionellen Intuition: Die zunehmende Akzeptanz intuitiv-emotionaler Entscheidungen liegt an der auch oben kurz erwähnten steigenden Not-Wendigkeit von Entscheidungen unter Unsicherheit. Die Welt wird komplexer und dynamischer, das Maß an Dynaxity - also Komplexität in Verbindung mit Dynamik - steigt. Das führt häufiger als zuvor zu unverständlichen Informationen und Widersprüchen. Und natürlich zu der schon erwähnten Datenflut. All das führt zu Nichtwissen und damit Unsicherheit. Darüber hinaus nehme ich eine steigende Ausbreitung und Akzeptanz neuerer, nicht standardökonomischer Betriebswirtschaft wahr: Neuro- und Verhaltensökonomie. Aus diesen Forschungszweigen gelangt immer mehr an wissenschaftlich fundiertem Wissen, dass uns Menschen als zentralen Faktor der Wirtschaft beleuchtet, in die Unternehmenswelt. Peu à peu sickert es durch, kommt langsam aber allmählich in den Gehirnen des Top-Managements an. Allerdings bleibt immer noch viel zu tun. Wir sind noch Lichtjahre davon entfernt, dass es ein selbstverständlicher Teil unternehmerischer EntscheidungsKultur ist, auch intuitiv zu entscheiden. Was die Unternehmensdemokratie betrifft: Da helfen in den letzten Jahren die bekannten agilen Methoden wie SCRUM oder Design Thinking weiter. Und natürlich das Boom Thema der letzten Jahre Nummer eins: Social Media. Heute müssen wir allerdings aufpassen, dass wir den großen kulturellen und individualpsychologischen Paradigmenwechsel nicht durch Technologien ersetzen. Typischerweise glauben viele Leute mal wieder, dass der Einsatz neuer Technologien oder Methoden wahre Wunder wirkt. Eine alberne Sicht, die selbst Teil der alten Denke ist. Die Organisation ist eine Maschine, in die wir nur ein paar neue Zahnräder einbauen müssen und schon läuft sie schneller, effizienter, effektiver. Eine wirklich geistreiche Vorgehensweise, um sich einmal mehr davor zu drücken, uns selbst in den Fokus zu nehmen: Unsere Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte und natürlich auch das was zwischen uns passiert: Unsere Beziehungen, Kommunikation und Interaktionen.

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Das es eine breite, deutlich sichtbare unternehmerische Bewegung in Richtung von mehr Unternehmensdemokratie gibt. Ich würde das daran merken, dass ich auf Veranstaltungen bei Vorträgen und Workshops nicht mehr die ewig gleichen und leicht widerlegbaren Gegenargumente zu hören bekomme. Sondern statt dessen Fragen, wie man Unternehmen erfolgreich demokratisieren kann. Oder noch besser: TeilnehmerInnen, die von eigenen Erfolgen berichten.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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