Prof. Dr. Heike Bruch – Direktorin des Instituts für Führung und Personalmanagement an der Universität St. Gallen

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Prof. Dr. Heike Bruch - Direktorin des Instituts für Führung und Personalmanagement an der Universität St. Gallen

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Mona Vetsch Sommerprogramm: SF Spezial: Einmal im Leben..., 2005 Copyright: SF/Oscar Alessio NO SALES NO ARCHIVES NO ONLINE Die Veröffentlichung im Zusammenhang mit Hinweisen auf das Fernsehprogramm von SF DRS ist honorarfrei und darf nur mit dem Quellenhinweis erfolgen. Jede weitere Verwendung ist honorarpflichtig, insbesondere auch der Wiederverkauf. Das Copyright bleibt beim Pressedienst SF DRS. Wir bitten um Belegexemplare. Bei missbräuchlicher Verwendung behält sich das Schweizer Fernsehen DRS zivil- und strafrechtliche Schritte vor.

Prof. Dr. Heike Bruch

ist Direktorin der Instituts für Führung und Personalmanagement an der Universität St. Gallen. Sie ist mehrfach vom Personalmagazin als eine der einflussreichsten Personalforscher im Rahmen der "TOP40 führenden Köpfe"ausgezeichnet.


Liebe Heike, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Netzwerk
  • Diversität
  • Flexibilität

Was verbindest Du mit diesen Begriffen? Wie werden wir in 10 Jahren arbeiten?
Die Arbeitsformen, wie wir sie heute kennen, verändern sich. Wir werden andere Arten der Zusammenarbeit gestalten, so das es besser gelingt Teamstrukturen bedarfsgerecht zusammenzustellen. Unternehmen arbeiten heute sehr lösungs- und effizienzorientiert. Die heute damit verbundenen silohaften Arbeitsorganisationen werden jedoch zunehmend zum Problem. Wissen, dass in den Abteilungen verhaftet ist, ist damit oftmals nicht bedarfsgerecht unternehmensweit verfügbar. Um diese und andere in der Organisation vorhanden Fähigkeiten in der Zukunft besser zu nutzen, müssen sich Netzwerkstrukturen über Abteilungs- und Organisationsgrenzen hinweg stärker etablieren. Damit werden wir auch mehr in wechselnden, flexiblen Formationen arbeiten. Neben diesen teilweise neuen Anforderungen an die Mitarbeiter, wird gleichzeitig ein höherer Grad der Flexibilisierung seitens der Unternehmen gefordert sein. Die Organisationen müssen stärker auf die Anforderungen der  Mitarbeiter eingehen. Flexible und individuelle Lösungen, wie z.B. Sabbaticals, ein individualisierter Übergang in den Ruhestand und mehr Freiräume bei Elterrnschaft und Pflege, werden immer bedeutsamer. Die Märkte verändern sich zunehmend volatil, Wachstumsphasen und Einbruchphasen  wechseln sich immer schneller ab. Die aktuellen Personalsysteme werden dem nicht gerecht. Eine flexiblerer Personalbestand, eine "atmende Belegschaft", dynamische Anpassungen und Verschiebung von Arbeitsschwerpunkten und -aufgaben - also fließende Strukturen und vermehrte Möglichkeiten auf Mitarbeiter von ausserhalb zurückzugreifen - werden notweniger. In einem solchen Umfeld sind Identität und Sinnhaftigkeit notwendig, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Ein "Wir-Gefühl mit allen Beteiligten aufzubauen wird ein kritischer Erfolgsfaktor sein. Diversität ist ein weiterer Schlüsselfaktor. Aufgrund der Verknappung im Arbeitsmarkt werden wir in Zukunft eine deutlich stärkere Diversität in Bezug auf Altersstrukturen, ethnische Durchmischung und die Integration von Menschen mit Behinderung sehen. Natürlich werden auch Frauen weiter in klassische Männerdomänen vordringen und z.B. auch in der Führung vermehrt in verantwortungsvollen Rollen auftauchen. Unternehmen werden deutlich mehr dieser bislang ungenutzten, im Arbeitsmarkt bereit stehenden Potenziale für sich entdecken und aktivieren. Die heute stark dominanten Normalfälle von sehr homogenen und uniformen Belegschaftsstrukturen wird es in Zukunft immer weniger geben. In allen Bereichen wird die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen und der Aufgabe eine Herausforderung für die Unternehmen darstellen, unabhängig ob es sich dabei um Festangestellte oder Freelancer handelt. Der Aufbau eines starken Wir-Gefühls ausserhalb der homogenen Abteilungs- oder Unternehmensgemeinschaften wird eine Schlüsselkompetenz in der Personalarbeit sein.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen? Warum ist das so? 
Vieles hat sich in den letzten 10 Jahren verändert. Wir haben den ersten Teil eines Bürokratieabbaus gesehen. In Bezug auf Führungsverständnis in Unternehmen wurde neuer Raum für Leadership geschaffen. Emotionen und Sinn sind als wichtige Themen in der Führung entdeckt worden. Die Zunahme an Arbeitsbelastungen hat dazu geführt, dass psychologische Erkrankungen jetzt zu einem wichtigen Thema im Personalmanagement und der Führung von Mitarbeitern geworden sind. Zwar nehmen viele Unternehmen die zunehmende Relevanz dieser Themen wahr, dennoch werden sie noch nicht angepackt. In einigen Unternehmen, die wir im Rahmen unserer Forschung genauer betrachten, nehmen wir sogar einen starken Gegentrend wahr. Die zunehmende Digitalisierung und die vereinfachte Verfügbarkeit von Daten führt oftmals zu einer größeren Kennzahlenorientierung. In der Folge werden KPI''s basierende transaktionale Systematiken, also der einer Führung durch Zielsetzung und Kontrolle, genutzt. Die Verdichtung der Arbeit, beschleunigte Prozesse, die immer mehr Bereiche erfassende Digitale Transformation, die Globalisierung und eine stetige Steigerung von Komplexität sind weitere Entwicklungen der letzten Jahre, die sich weiter fortsetzen werden.

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Ich wünsche mir, dass wir es schaffen eine stärkere Teamorientierung aufzubauen und zu leben. Dazu gehören Aspekte wie z.B.  Verlässlichkeit, oder das Gefühl der Zugehörigkeit zum Team. Ein Arbeitsumfeld mit weniger Bürokratie würde uns und mir gut tun. Um meine Zeit effizienter nutzen zu können, wünsche ich mir,  dass weiterentwickelte Kommunikationstechniken auch Emotionen deutlich wahrnehmbarer machen. Dann könnte man die so wichtigen persönlichen Treffen auch öfter mal auf anderem Wege stattfinden lassen.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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