Henrik Zaborowski – Recruiting Coach und Interim Recruiting Manager

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Henrik Zaborowski - Recruiting Coach und Interim Recruiting Manager

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Henrik-ZaborowskiHenrik Zaborowski

ist Recruiting Coach und Interim Recruiting Manager. Er verbindet 13 Jahre Erfahrung im operativen und strategischen Recruiting mit einem ganzheitlichen Blick auf den gesamten Recruitingprozess und der Kenntnis der neuesten (technologischen) Entwicklungen der HR Branche.


Lieber Henrik, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Vollbeschäftigung
  • prekäre Arbeitsverhältnisse
  • Soziale Kompetenz

Was verbindest Du mit diesen Begriffen? 
Die Vorstellung fällt mir zwar schwer, aber wenn man den Studien trauen darf, werden wir 2025 zwischen zwei und fünfeinhalb Millionen Fachkräfte zu wenig haben. Das liest sich für mich so unglaubwürdig, dass ich noch daran zweifle. Aber faktisch wäre das eine dauerhafte Vollbeschäftigung. So schön das auch sein wird: Ich bin mir nicht sicher, ob wir alle von den Jobs, die wir dann haben, auch werden leben können. Ich sehe zu viele Geschäftsmodelle (die gerade durch die technologischen und gesellschaftliche Entwicklungen entstehen), mit denen sich aus meiner Sicht nicht wirklich Geld verdienen lässt. Außer, wenn die Mitarbeiter schlecht bezahlt werden. Wir brauchen uns nur die Startup Szene anzuschauen. Ohne Investoren, deren Millionen und die Ausnutzung „kostengünstiger“ Praktikanten gäbe es viele dieser Startups gar nicht. Nehmen wir die Soziale Arbeit. Heute schon werden Jobs in der Krankenpflege, der Kindererziehung, im Altenheim im Verhältnis zur Verantwortung, der Belastung und den Arbeitszeiten mies bezahlt. In diesen Bereichen (außer im Kindergarten) werden die Bedarfe an qualifizierten Mitarbeiter aber weiter steigen. Wer will die Jobs dann machen? Oder können die auf ein mal deutlich höhere Gehälter verhandeln? Ich bezweifle es. Und wenn doch, wer kann die dann zahlen? Nehmen wir allgemein die Erbringung von Dienstleistungen. Ein freiberufler Grafiker konkurriert heute mit Grafikern auf der ganzen Welt. Die zum großen Teil zu deutlich niedrigeren Preisen arbeiten. Oder der Klassiker: Die „ungelernten Fachkräfte“. Die werden es richtig richtig schwer haben. Warum Soziale Kompetenz? Nun, ich hoffe, dass wir den Wert des einzelnen Menschen wieder entdecken. Jeder hat Talente, Begabungen, Interessen, ein ideales Arbeitsumfeld. Heute ist der Mensch immer noch in erster Linie Arbeitskraft ... und dann kommt erstmal lange Zeit nichts. Wenn aber Menschen sich ihre Jobs aussuchen können, müssen Unternehmen und deren Führungskräfte besser mit ihnen umgehen. Sonst sind die Mitarbeiter ganz schnell wieder weg. Oder unzufrieden und bringen nicht ihre Leistung. Da sehe ich noch viel Handlungsbedarf. Und wir brauchen Soziale Kompetenz, um miteinander klar zu kommen. Weil wir stärker von anderen und ihrem Wissen, ihrer Expertise abhängig sein werden. „Befehl und Gehorsam“ oder „nach mir die Sintflut“ wird nicht mehr funktionieren. Das können wir uns nicht mehr leisten.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Tja, im Jahr 2000 konnte sich noch niemand so richtig vorstellen, was Horx meinte, als er von „Projektarbeitern“ sprach. Heute haben wir alle eine Vorstellung davon. Ob und das gefällt oder nicht. Wir werden deutlich unabhängiger von Raum und Zeit arbeiten. Ich brauche kein eigenes Büro mehr. Manche werden es bevorzugen, weiter an einem festen Arbeitsplatz zu arbeiten. Und werden das dürfen. Andere arbeiten mal von zu Hause, mal von unterwegs, mal sind sie in der Firma. Collaboration Software wird immer besser und das vernetzte Arbeiten in internationalen Teams ermöglichen. Kollegen wie Wettbewerber sitzen überall auf der Welt. Englisch wird auch in Deutschlands Arbeitssprache.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Ich sehe vor allem eine Veränderung: Keiner weiß mehr, was noch gilt. Jeder behauptet irgendwas, aber es gibt keine objektive Realität mehr. Früher galt: Mach deinen Job, arbeite fleißig, halte dich an die Spielregeln - dann hat du auch einen sicheren Arbeitsplatz (von dem du leben kannst) und machst wahrscheinlich auch Karriere. Das galt sehr lange. Bis die Krisen sich häuften und die Unsicherheit in den Unternehmen immer größer wurde. Diese alten Regeln gelten nicht mehr. Aber keiner weiß mehr, was überhaupt noch gilt. Wir lesen täglich vom Fachkräftemangel, der Generation Y wird erzählt, die Welt stünde ihnen offen. Aber Bewerber können genauso täglich lesen, wie die „perfekte Bewerbung“ aussieht und die Generation Y, wie das ideale Absolventenprofil der Unternehmen aussieht. Hä? Was denn jetzt? Wenn wir Fachkräftemangel haben, wozu dann noch der Aufwand? Und was stimmt jetzt? Keiner weiß es. Die Wahrheit ist: Es kommt darauf an. Ob ich das richtige studiert, den Top Abschluss von der Top Uni haben, gerade die aktuelle Programmiersprache beherrsche, die richtige Hautfarbe und Familienstand habe. Oder worauf auch immer. Ich kann keine Muster mehr erkennen. Außer, dass die Unternehmen immer risikoscheuer werden.

Warum ist das so? 
Ich glaube (und ich kann es tatsächlich nicht objektiv beweisen), dass die meisten von uns, allen voran aber etablierte Manager und Führungskräfte, mit der Unsicherheit durch die immer schnellere Entwicklung von Technologie und Märkten komplett überfordert sind. Diese Überforderung dürfen sie aber nicht zugeben. Nicht in ihrer Position. Wie sähe das denn aus? Sie haben keine Lösungsstrategien. Außer den üblichen: Mehr Druck auf die Mitarbeiter, weniger Risiken eingehen, Kosten senken, sich selber noch stärker positiv ins Licht rücken. Erfolge feiern, die eigentlich keine sind. Unangreifbar machen. Die Tragik unserer Wirtschaft ist ja, dass der Arbeitnehmer als Mensch noch nie eine große Rolle gespielt hat. Geschäftsführer gründen kein Unternehmen, weil sie gerne Mitarbeiter führen. Sondern weil sie eine gute Geschäftsidee hatten. Jemand wurde nicht Führungskraft, weil er sich gut mit den Kollegen verstand, sondern er der fachlich Beste war. Das musste doch belohnt werden. Eigentlich völlig bekloppt. Karriere machten die, die sich am besten darstellten, die ohne Rücksicht auf Verluste Leistungen gefordert und gebracht haben. Vielleicht auf Kosten des Privatlebens, aber egal. Wir haben heute vor allem Menschen in Entscheiderpositionen, die vieles sind – aber mit absoluter Sicherheit keine guten Führungskräfte! Aber gerade die bräuchten wir jetzt so dringend.

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Ich wünsche mir, dass (meine) Arbeit und Leistung an der Qualität und nicht der Verpackung und Show gemessen wird. Ich finde es durchaus bedauerlich, dass viele Entscheidungen aus sehr oberflächlichen Motiven fallen. In der Vergangenheit (und auch noch heute) waren die erfolgreichsten Unternehmen nicht unbedingt die mit dem besten Produkt. Sondern die mit den besten Verkäufern und Marketingstrategen. Es wird zuviel versprochen und zu wenig gehalten. Aber irgendwie kümmert es auch keinen. Hauptsache, der Kunde fühlt sich gut dabei. Von daher wünsche ich mir mehr Transparenz der Leistungen, gute Zusammenarbeit auf „Augenhöhe“ ☺ und uns allen die Erkenntnis, dass das Leben und der Erfolg nicht frei verfügbar sind. Diese Einstellung würde uns allen gut tun.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren.

 

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