Prof. Frank Widmayer – Berater & Coach für Personalmanagement und Führung

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Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Frank Widmayer Profilbild Neu (quadratisch)Prof. Frank Widmayer

ist Führungsexperte und Organisationsarchitekt. Er ist als selbstständiger Berater, Coach, Trainer und Speaker für Personalmanagement und Führung tätig. Er bringt langjährige Erfahrung „von der anderen Seite“ ein, sprich im Management eines sehr erfolgreichen Softwareunternehmens. Er wurde mehrfach als TOP CONSULTANT ausgezeichnet und ist seit kurzem Honorarprofessor an der renommierten Karlshochschule International University in Karlsruhe, die sich im Thema Leadership & Management einen Namen gemacht hat und zu den Top-Fachhochschulen zählt.

 

 


Lieber Frank, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?
Vielen Dank, lieber Guido, für diese Möglichkeit, im Rahmen Deiner Interviewreihe meine Gedanken zur Arbeitswelt 2025 teilen zu können. Erst dachte ich bei der Frage „Kein Problem, ist ja ganz einfach!“. Aber dann kamen Zweifel auf: „Welche drei Begriffe nimmst Du?“. Da fallen einem dann viele Rahmenbedingungen ein, die uns bestimmen werden (Komplexität, Geschwindigkeit, Varietät, Dynamik, Ressourcenschonung etc.) und Ansatzpunkte, die im Umgang damit notwendig wären (Autonomie, Selbstbestimmung, Sinnorientierung, Wertschätzung etc.). Doch dann kommt man ins Grübeln und fragt sich, ob das nicht Utopien sind und was eigentlich noch passieren muss, damit wirklich ein vielleicht sogar radikales Umdenken stattfindet? Da ich aber unverbesserlicher Optimist bin, sind mir dann die folgenden drei Begriffe „spontan“ 😉 eingefallen:

  • Potenzialentfaltung
  • Regenerative Prinzipien
  • Demokratisierung

Was verbindest Du mit diesen Begriffen? 
In der Kombination der drei Begriffe entsteht für mich ein Idealbild neuen Wirtschaftens. Die zunehmende Komplexität führt in unseren heutigen Systemen zu einem kaum noch zu beherrschenden Druck mit einer rapiden Zunahme von Stress und Belastungserkrankungen. Wir machen uns krank für das, was wir mit Erfolg verwechseln. Es geht viel zu sehr um den kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg, der aber außer Acht lässt, dass wir dabei unsere Umwelt nachhaltigen zerstören. Das betrifft nicht nur unsere natürlichen Ressourcen („Mutter Natur“), sondern auch die Menschheit. Daher ist für mich die Einführung regenerativer Prinzipien auch in die Organisationen entscheidend. Führung muss dabei vor allem regenerativ sein und die Energiepotenziale der Menschen in den Unternehmen nutzen (Potenzialentfaltung), aber auch nachhaltig schonen. Leistungsdruck führt vielleicht kurzfristig zu höherer Leistung (das liegt aber vielleicht auch nur an den „falschen“ Leistungskennzahlen), aber mittel- und langfristig zu nachhaltigen Schäden an Leib und Seele. Das alles überragende Gebot der Menschlichkeit muss auch wieder in den Unternehmen gelten und viele gute Beispiele zeigen schon heute, dass die Demokratisierung der Organisationen nicht nur zu einem größeren Wohlbefinden der Menschen, sondern auch zu einer nachhaltig besseren ökonomischen Leistung im ganzheitlichen Sinne führt.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Ich hoffe nicht, dass der momentane Trend der Polarisierung, also einer zunehmenden Ungleichheit in der Arbeitswelt sich fortsetzt. Das bezieht sich auf viele Bereiche, u.a. die Autonomie (Selbst- vs. Fremdbestimmung), auf die Bezahlung (Spitzengehälter vs. Armutslöhne) und auf die Arbeitsbedingungen (Apple vs. FoxConn). Für mich heißt das, dass wir in den Unternehmen damit anfangen müssen, jeden so arbeiten zu lassen, wie es für ihn oder sie am besten ist. Also wo, wann, wie, wieviel auch immer. Und wir müssen dann auch dafür sorgen, dass jede/r weiß, was am besten für sie/ihn ist. Denn dann werden die Unternehmen, die das nicht verstehen, einfach keine Mitarbeiter mehr finden. In Deutschland findet das in manchen Branchen schon heute statt – das macht mir Hoffnung, dass wir hier in der Zukunft menschenwürdige Arbeit schaffen können, die jedem die Möglichkeit gibt, sein Potenzial bestmöglich zu entfalten.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Leider viel zu wenig. Es gibt inzwischen eine überwältigende Menge von wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie Motivation und außerordentliche Leistung entstehen. Diese Erkenntnisse sind aber wahrscheinlich die am besten erforschten und am meisten bestätigten aus vielen Wissenschaftsdisziplinen, aber gleichzeitig die am wenigsten in den Unternehmen umgesetzten. Wenn Flugzeugingenieure die Erkenntnisse der Naturwissenschaften so ignorieren würden wie die Manager die Erkenntnisse von Psychologie, Soziologie, Arbeitswissenschaften usw., dann würden jeden Tag Hunderte von Flugzeugen abstürzen. Wir müssen also spätestens in den Hochschulen damit anfangen, Management und Führung neu zu lehren. Das passiert leider noch viel zu wenig. Andererseits gibt es einige gute Beispiele von Unternehmen, die alles anders machen (bei Haufe Umantis z.B. werden die Manager von den Mitarbeitern gewählt) und dabei auch noch erfolgreich sind! Und es sind auch erste Anzeichen für ein breites Umdenken erkennbar, wenn schon nicht aus besserem Wissen heraus, dann doch zumindest aus der Erkenntnis, dass wir in weiten Bereichen der Wirtschaft mit den gängigen Konzepten einfach in eine Sackgasse gelaufen sind. Aber vielleicht muss es auch noch ein bisschen schlimmer werden, damit das wirklich der allerletzte erkennt.

Warum ist das so? 
Viele Menschen haben die Tendenz, erst etwas Neues anzunehmen, wenn das Bestehende fast unerträglich ist. Eine Veränderung kommt erst in Gang, wenn das Gefühl der Dringlichkeit wirklich hoch ist und das scheint mir noch nicht der Fall zu sein. Gerade hier in Deutschland hört man oft „Aber es geht uns doch gut!“. Das stimmt aber leider nur, wenn man evidente Faktoren außer Acht lässt oder Statistiken frisiert. Wenn man die Menschen fragt und wirklich zuhört, dann wird man erkennen, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem wir dringend handeln müssen!

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Ich wünsche mir, dass ich weiterhin selbstbestimmt und mit vollem Einsatz an der Verwirklichung meines Traums mitwirken kann, nämlich der Umgestaltung der Arbeitswelt durch ein neues Konzept von Unternehmensführung. Zusammen mit der Beratergruppe Reflect arbeite ich gerade an einem ganzheitlichen Konzept, das wir „Gesunde Organisation“ nennen. Gesunde Organisation entfaltet Potenziale und führt so zu außergewöhnlicher Leistung – Führung ist dazu der Schlüssel. Für mich persönliche hoffe ich, dass ich auch in zehn Jahren noch mein jetziges Ideal-Modell der Arbeit so leben kann, wie ich das heute mache.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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