Prof. Dr. Johanna Anzengruber – Theorie trifft Praxis: Prof. für Kompetenzmanagement an der Steinbeis Universität & Head of Strategic Competence Management bei Siemens Healthcare

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Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2025) befragt.


Johanna AnzengruberProf. Dr. Johanna Anzengruber

ist Juniorprofessorin für Kompetenzmanagement an der Steinbeis Universität in Berlin und gleichzeitig Head of Strategic Competence Management bei Siemens Healthcare. … Also jede Menge Theorie UND Praxis rund um Möglichkeiten und Kompetenzen von uns Menschen und der Technologie, die uns umgibt…


Liebe Johanna, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen.

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Selbstbestimmer
  • Digitale und kooperative Arbeitsformen
  • Unkonventionelle Kompetenzsets

Was verbindest Du mit diesen Begriffen?
Selbstbestimmer sind keine Mangelware mehr. Generation Y und Z zeigen der Wirtschaft, wie man mit Freude und Sinn „sein Ding“ macht. Die postmoderne Grundorientierung von „Machen und Erleben“ und „Grenzen Überwinden und Samplen“ behauptet sich gegenüber „Haben und Zeigen“. Kooperative, selbständige und räumlich unabhängige Arbeitswelten mit transformationaler Führung, die sich einem anderen Sinn als Gewinnmaximierung und purer Effizienz verschreiben, werden wachsen und als „neue Rezepte“ gelebt. Diese attraktiven Formen werden viele Interessenten aus traditionell geführten Unternehmen abwerben. Um noch attraktiv zu bleiben und trotz Komplexität, steigendem Wettbewerb und schrumpfenden Budgets, werden auch traditionelle Unternehmen Schritt für Schritt HR Innovation betreiben. Im Jahre 2025 wird die Generation Z schon Teil des Arbeitsmarktes sein. Die Digitalisierung wird nicht mehr in den Kinderschuhen stecken. Die Ergebnisse aus Big Data werden nicht nur zum Erkenntnis- und Transparenzgewinn, sondern auch für die Erschließung von unbekannten Handlungspotentialen und echten Handlungsänderungen genutzt. Gleichzeitig wächst die Second Economy, bestehend aus Transaktionen zwischen intelligenten Robotern, zu einem wesentlichen Eckpfeiler unseres Wirtschaftens heran. Unkonventionelle Kompetenzsets bringen lang ersehnte echte „market creating innovations“. Damit schaffen wir den Ausstieg aus der Schleife der puren Effizienz hin zu einer Balance. Zusätzlich wird das Bild, was Karriere ist und wie sie aussieht, nicht mehr durch Unternehmen bestimmt, sondern durch die Selbstbestimmer selbst. Denn diese Zielgruppe hat von Kindesbeinen an gelernt, was sie attraktiv findet und was nicht, wie z.B. digital gaming. Somit besteht das Wirken aus vielen Mikro-Karrieren, die sich der Einzelne in der jeweiligen Subkultur selbst gibt und damit ein Teil des Kollektivs bildet. Autorität durch Kompetenz ist akzeptiert; Autorität durch Position oder Status wird negiert.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten?
WIE: Mit bewusster kognitiver und emotionaler Intelligenz. Mit digitalen Medien; mit anderen; mit einem selbst. MIT WEM: Die Präferenzen werden grundlegend variieren. Alle werden jedoch mit intelligenten Systemen (AI) und Menschen arbeiten. Die Frage ist eher: WIE und WO werden wir in 10 Jahren LEBEN? - Danach werden wir unser Arbeiten ausrichten – und nicht umgekehrt. Das zeigen uns die Generationen Y und Z. Ein geringer Teil der Arbeitsbevölkerung wird noch „leben, um zu arbeiten. „Arbeiten, um zu leben“ und „Arbeiten, während wir leben“ sind die gängigeren Prinzipen.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Die letzten 10 Jahre standen im Zeichen der Beschleunigung und Digitalisierung. Der Kontrollüberschuss ist überproportional gewachsen. Ein Kampf zwischen alten und neuen Führungsprinzipien ist entfacht. Wir mussten uns daran gewöhnen, dass komplexe Einheiten entstehen, die immer und überall mitkommunizieren – fast wie Menschen. Zielgruppen wie Silverpreneure, Latte-Macchiato Familien, Tiger Ladies, Neo-WGlers und Selbstverwirklicher gestalten aktiv unsere Gesellschaft mit. Die Differenzlogik ist auf dem Vormarsch und wir wandeln wieder auf dem Pfad von der Masse zum Individuum.

Warum ist das so?
Wir stehen gerade am Übergang von der Moderne zur Postmoderne und zur Wissens- und Kompetenzgesellschaft. Diesen Übergang erleben risikoaverse Menschen sehr oft als unpersönlich, stressig, überfordernd, oder auch angsteinflößend. Dieser Zustand, so erschreckend er momentan sein mag, ist ein ganz normales und vorübergehendes Phänomen, wenn man bedenkt, dass wir zuerst Abstand von unserem alten „Selbst- und Handlungsbild“ gewinnen müssen, um in die Postmoderne zu gelangen.

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Mein heutiges ICH als Paradigmen-Shifterin. Konnektivistin und Energiebündel - mit einem Faible für ungewöhnliches Wohnen und Arbeiten. Professorin und Strategin. Barista aus Leidenschaft. Business Coach. Mit viel Veränderungskompetenz (Fähigkeit, auf neue Bedingungen mit neuen Mustern und Handlungsweisen zu antworten) leben. Und dabei: Gestalten ermöglichen - mit Neugier, Wahlfreiheit, mentaler Fitness und viel Veränderungskompetenz. Lateral, identitätsschaffend und von innen heraus. Für mich und andere.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon, 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren.

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