Jörg Müller – der Organisationsflüsterer

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Allgemein

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Joerg_MuellerJörg Müller

ist Deutschlands erster „OrganisationsFlüsterer“. Als konstruktiver und strategischer Weiterdenker ist er spezialisiert auf die Auflösung von Erfolgsblockaden. Mit einer scharfen Beobachtungsgabe und einer angeborenen Hochsensibilität enttarnt der Betriebswirt und Soziologe zielsicher nachteilige Denk- und Handlungsmuster in Organisationen.


Lieber Jörg, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen.

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • „Always On“-Gesellschaft
  • Vertrauen als Währung
  • Ökonomische Emanzipation

Was verbindest Du mit diesen Begriffen?
Im Jahr 2025 ist das Leben von uns Menschen so intensiv digital durchdrungen, wie es sich derzeit nur eingefleischte Technik-Junkies vorstellen können. Dann ist auch das Internet der Dinge voll im Mainstream angekommen. Fast jeder Gegenstand ist ein programmierbarer Computer, der mit anderen - ebenfalls smarten - Objekten interagiert. Der Mensch als Steuerungs- und Entscheidungsinstanz wurde weitgehend durch künstliche Intelligenz (KI) ersetzt. Beispielweise sprechen in der Always On-Gesellschaft selbstfahrende Autos die Vorfahrt direkt untereinander ab, weil der Mensch zu langsam und nicht zuverlässig genug „arbeitet“. Bereits im Jahr 2014 wurde in der Venture Capital Firma Deep Knowledge in Hongkong eine KI in die Geschäftsleitung berufen. Unterdessen beschleunigt die weltweite Vernetzung sämtliche sozialen Prozesse und verstärkt gleichermaßen günstige wie auch schädliche Entwicklungen. Abgesehen von unserer Großeltern-Generation hat sich die Sharing-Economy weitestgehend durchgesetzt. Dinge zu teilen ist der Standard, etwas kaufen ist die seltene Ausnahme. Der Statuswert von Besitz und Eigentum ist nur noch ein Relikt aus alter Zeit. Gleichzeitig nimmt die Zersplitterung von Begegnungen und Erlebnissen weiter zu. Der Wunsch nach vertrauensvollen, authentischen Verbindungen mit Gleichgesinnten wird zum Lebensinhalt. Denn der selbstbezogene Homo Oeconomicus wird verdrängt worden sein vom partnerschaftlichen, Anteil nehmenden Homo Empathicus. In diesem Umfeld wird Authentizität zum magischen Attraktor für Individuen. Und Vertrauen und Reputation ist die wichtigste Währung für erfolgreiche Unternehmen. Das hatte Gucci schon 2015 kapiert: Wenn der Verkauf von Handtaschen aus Bio-Leder gut laufen soll, muss die Kundin dem Pass über den Werdegang der entsprechenden Kuh vertrauen können. Sonst kauft sie nicht. Mit wenig transparenten Rohstoffquellen und fragwürdigen Liefer- und Herstellungsketten gehört man 2025 ganz schnell zu den Dinosauriern.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten?
In den kommenden 10 Jahren werden wir einen langsamen, aber stetig zunehmenden Umbruch hinsichtlich der Leistungserstellung in Volkswirtschaften erleben. Gleichzeitig werden sich in den kommenden Jahren immer mehr Menschen fragen, in welcher „Welt“ sie arbeiten und leben wollen. Auf der einen Seite führen alte, etablierte Unternehmen einen erbitterten Anpassungskampf, den nur sehr wenige Organisationen tatsächlich gewinnen werden. In diesen traditionellen Industriestrukturen wird es auch in 10 Jahren noch Chefs, Budgets und Zielvereinbarungen geben – mit allen bereits bekannten Nebenwirkungen wie Demotivation und Burn-out-Problemen. Dieser scheinbaren Stabilität werden sich auch weiterhin Menschen mit eher hohem Sicherheitsbedürfnis zuwenden. Auf der anderen Seite stehen die Herausforderer aus einer hoch-dynamischen Gründerszene, die bereits heute klammheimlich die nächste industrielle Revolution vom Zaun brechen. Der Spirit ist dort ähnlich wie in der New Economy Mitte der 90’er-Jahre. Bestes Beispiel dafür ist die weltweite Maker-Bewegung. Da die meisten Akteure keinerlei Interesse an etablierten Marktmechanismen haben, vertrauen sie selbstverständlich dem Urteil „ihrer community“, und nicht anonymen Investmentbankern. Deshalb übernimmt die community auch die Finanzierung, z.B. mit Croud-Funding-Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo. Der Absatz wird ermöglicht von digitalen Do-it-yourself-Vertriebszentren wie DaWanda oder Etsy. Die steigende Anzahl der Mitwirkenden erfordert eine zunehmende Vernetzung der Akteure – an der Stelle kann ich dem Gedanken von Bernd Oesterreich nur zustimmen, wenn er eine Netzwerk-Gesellschaft in Zukunft erwartet. Allerdings wird sich diese eben nicht flächendeckend in allen Branchen und Industriezweigen etablieren, sondern nur dort, wo sich Initiatoren von der alten Arbeitswelt abwenden und sich in das Abenteuer der Eigenverantwortung stürzen. Diese „New Work“ wird ein nicht vorstellbar hohes Maß an selbstbestimmtem Arbeiten ermöglichen. Zumindest für diejenigen, die der sterbenden Konzernwelt den Rücken gekehrt haben. Diese Menschen werden der sichtbare Beweis dafür sein, dass man mit 20 - 30 Stunden freudvoller Betätigung pro Woche sehr wohl sich selbst und seine Familie ernähren kann. Diese zunehmende ökonomische Emanzipation der Massen wird den Grundstein legen für einen „Zivilkapitalismus“ (wie ihn der Herausgeber der „brand eins“ Wolf Lotter in seinem kürzlich veröffentlichten Buch bereits skizziert), in dem verantwortungsbewusste Menschen die Instrumente der Ökonomie kennen und zur Verbesserung ihrer individuellen Welt nutzen.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Das interessante an der Veränderung ist für mich immer wieder, dass sie zwar ständig passiert und das auch alle wissen, aber meist wird sie dennoch nur an schmerzhaften Bruchkanten in der eigenen Biografie wahrgenommen. Ich denke, dass es deshalb für jeden unterschiedliche Dinge sind, die als konkrete Veränderung erlebt wurden. Für die einen ist es der PC am Arbeitsplatz, für andere ist es die Vernetzung und für wieder andere ist es die Erosion traditioneller Management-Mechanismen und Hierarchien.

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Der immer schneller werdende technologische Fortschritt wird vielen Menschen in der alltäglichen Lebensführung ein deutlich leichteres Leben bescheren. Das gilt natürlich auch für unsere Arbeit in 10 Jahren. Aber dieser Komfort wird einen Preis haben: Der Umgang mit Widersprüchen und die Fragmentierung unseres Lebens werden in dieser schönen neuen Welt zur persönlichen Herausforderung. Gleichzeitig bedroht die fortschreitende Digitalisierung jegliches konventionelle Geschäftsmodell. Wir gehen also auf mächtig turbulente Zeiten zu … und da wünsche ich mir für mich und meine heute noch jugendlichen Kinder, dass wir alle unsere Schiffchen einigermaßen unbeschadet durch diese raue See manövrieren können.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren.

PDF öffnen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.