Conny Dethloff – Senior Manager BI und Mathematiker auf der Reise des Verstehens

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Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


conny dethloffConny Dethloff

ist der (wenn ich richtig zähle) dritte Mathematiker in dieser Interviewreihe. Erstaunlich, dass „wir“ uns alle hier in diesem Thema wiederfinden. Er ist auf einer „Reise des Verstehens“ in Bezug auf die Wirtschaft und was Wirtschaften bedeutet. Auf dieser Reise lernt er immer wieder neuen Perspektiven kennen und verbreitet sein Wissen immer wieder gerne in verschiedenen Blogs. Daneben oder vor allem 😉 ist er Senior Manager Business Intelligence bei Otto. 


Lieber Conny, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?
Ich freue mich ebenfalls. Danke erst einmal für Deine Einladung in diese spannende Interviewreihe. Du fragst nach 3 Begriffen. Ist es schlimm, wenn ich Dir nur einen Begriff in diesem Kontext nenne? Es ist der Begriff „Hoffnung“.

Klar geht auch nur ein Begriff. Warum gerade "Hoffnung"? 
Warum Hoffnung? Ganz einfach. Ich hoffe, dass irgendwann die Diskussionen rund um unsere zukünftige Arbeitswelt weniger von Dingen der „toten“ Welt geprägt sind. Denn, es geht mir in den Ausarbeitungen und Analysen rund um die Arbeit viel zu häufig um Fragestellungen, wie „Wie soll Dein Arbeitsplatz gestaltet sein?“, „Welche Büromaterialien benötigst Du?“, Ist ein höhenverstellbarer Arbeitstisch wichtig?, „Wie müssen Meetingräume gestaltet sein?“ etc. Damit trifft man aus meiner Sicht aber nicht den Kern des Dilemmas, nämlich dass wir immer noch nach einem Modell der Führung und Zusammenarbeit in Unternehmen denken und handeln, welches längst überholt ist. Es stammt aus dem Industriezeitalter und geht von der Prämisse aus, dass in Unternehmen wenige Menschen denken und viele Menschen agieren sollten. Stichwort „in Stein gemeißelte“ Hierarchien, die sich in Hochglanzorganigrammen widerspiegeln.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Ich bin mir sicher, dass wir in 10 Jahren in Unternehmen vermehrt „auf Augenhöhe“ agieren werden. Ich bin mir ebenfalls sicher, dass dadurch zwangsläufig die Trennung zwischen „Führungskraft“ und „Mitarbeiter“ aufgehoben wird. Unternehmen, die diesen Wandel nicht mitmachen, werden wahrscheinlich die Komplexität des Marktes nicht mehr handhaben können und dementsprechend „aus dem System“ gespült werden. Es reicht eben nicht mehr aus nach festgefahrenen Prozessen zu arbeiten, die einmal definiert werden und dann immer wieder abgerufen werden. Hier ist Flexibilität und Agilität gefragt. Da Unternehmen sich einer immer höheren Änderungsrate des Marktes ausgesetzt sehen, müssen sie sich viel häufiger als früher immer wieder neu erfinden. Das geht aber in der Regel nur, wenn man dafür neue Wege einschlägt. Es wird sicherlich immer notwendig sein, dass in einer Gruppe von miteinander agierenden Menschen eine Hierarchie ausgebildet ist. Die Hierarchie wird dann aber kontextabhängig sein müssen, sprich diese ändert sich je nach zu bearbeitendem Thema. Derjenige, der die meisten Erfahrungen, das meiste Wissen und die meisten Skills zu dem Thema mitbringt, wird der tonangebende Akteur sein. Und dafür braucht es keinen Menschen, der dies bestimmt, sondern hier zieht dann die Selbstorganisation. Das Team entscheidet darüber. Im privaten Umfeld bei uns läuft es ja ähnlich, oder? Bei mir im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis gibt es jedenfalls Niemanden, der stets der Entscheider ist, unabhängig davon worum es geht. Und im privaten Umfeld haben wir meistens Spaß. Man denke da nur an das Ausleben der eigenen Hobbies.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
Ich habe es im Rahmen der Beantwortung der zweiten Frage angedeutet. Geredet wurde sehr viel, entscheidende Durchbrüche wurden kaum erzielt. Noch immer verbinden wir Arbeit mit Pflicht und nicht mit Genuss und Freude. Natürlich ist es in vielen Unternehmen mittlerweile normal geworden, dass Mitarbeiter Homeoffice machen dürfen oder sich nicht so hart an Regelarbeitszeiten halten müssen. Aber das ist in meinen Augen nur Rillenoptimierung auf dem Weg hin zu einem erfüllenden und motivationsfördernden Arbeitsumfeld. Ich verfolge immer wieder die jährlich stattfindenden Diskussionen um Brückentage in Verbindung mit Feiertagen. Ist der 1. Mai ein Donnerstag erfreut das viele, da sie dann nur einen Urlaubstag nehmen müssen, um mehrere Tage am Stück frei zu haben, oder drastischer gesagt, von der Arbeit befreit zu sein. Ist das nicht ein gutes Zeichen, dass uns Menschen die Arbeit eigentlich keinen Spaß macht? Es gilt also jetzt weniger zu reden und dafür endlich mal etwas zu tun.

Warum ist das so? 
Weil wir immer noch die harte Trennung zwischen Arbeiten und Leben ziehen. Ich tue das nicht, denn ich möchte beim Arbeiten leben und beim Leben arbeiten. Ich beobachte sehr oft, dass die Trennung zwischen Lebens- und Arbeitswelt skurrile Erscheinungen nach sich zieht. Mitarbeiter geben an der Eingangspforte zum Unternehmen ihr Gehirn ab, da sie ja eh nicht denken sollen. Sie sind Erfüllungsgehilfe. „Denken tut der Chef, ich muss ausführen.“ Dass das keinen Spaß ist doch klar, oder?

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?
Mein Wunsch geht mit meiner am Anfang des Interviews mitgeteilten Hoffnung einher. Und damit spanne ich den Bogen zurück zum Anfang des Interviews. Nehmen wir alleine den Begriff „Führungskraft“. Da ist zum einen das kleine Wörtchen „Kraft“ enthalten. Dieser hat eine sehr große fatale Wirkung in meinen Augen. Wir glauben viele Erkenntnisse aus den Bereichen der Wissenschaften 1:1 auf das Zusammenwirken von Menschen übertragen zu können. Ich bin kein Chef und mag es auch nicht, dass Mitarbeiter mich so nennen. Das Chefsein zieht automatisch Untergebensein nach sich. Wer das eine nicht sein will, sollte das andere ebenfalls nicht sein wollen. Für mich gibt es diese Trennungen schon heute nicht. Leider ist das noch nicht flächendeckend gegeben. Aber im Jahr 2025 wird es mit Sicherheit so sein. Dann noch das andere kleine Wörtchen „Führung“. Hier ist Demut angesagt und diese wird sich auch im Jahre 2025 verfestigt haben. Wen will ich eigentlich führen können oder wollen? Da fällt mir nur eine Person ein, mich. Ich kann direkt keine anderen Menschen führen. Ich kann durch mein Vorleben nur einen Rahmen spannen, in welchem sich andere Menschen „gut“ oder „schlecht“ bewegen können, je nach ihrer Wahrnehmung, die ich ebenfalls wieder nicht direkt beeinflussen kann. Und diese Erwartung habe ich bereits heute an Menschen mit denen ich zusammen arbeite. Du merkst, ich vermeide „meine Mitarbeiter“ zu sagen, denn als diese sehe ich sie nicht. Mein fester Glaube ist, dass das was häufig in vielen Unternehmen propagiert, auch wirklich gelebt wird. Mir kommt da ein Schlagwort wie „Verantwortung“ in den Sinn. Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens sollte einen Rahmen vorfinden, in welchem er sich bestmöglich entfalten kann. Er sollte die Möglichkeit haben, unternehmerisch zu denken und zu handeln und nicht bei jeder Kleinigkeit (Genehmigung des Urlaubes, Bestellen eines Kugelschreibers, …) um Erlaubnis beim Vorgesetzten bitten. Meine Idee ist, dass es kontextabhängige Hierarchien gibt und damit jeder Mensch im Unternehmen je nach Kontext Führungskraft sein darf. Es wird spätestens im Jahre 2025 keine festgeschnürten Organigramme mehr geben, die man im Intranet eines Unternehmens einsehen kann. Wir werden dann sehr viele Organigramme in Unternehmen haben, die es nicht Wert sein werden auf Papier zu verewigen. Lebst du eigentlich in Deinem privaten Umfeld nach Organigrammen? ☺ Meine detaillierten Gedanken dazu habe ich vor kurzem in einem Beitrag, namens „Der blinde Fleck in den Diskussionen rund um Führung und Zusammenarbeit“, formuliert. Du siehst, das Thema beschäftigt mich sehr.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

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