Ralf Lippold – Lean Thinker und Prozess-Um-Gestalter

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Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Ralf LippoldRalf Lippold

ist ein ruhelos neugieriger Ökonom und Lean Thinker, der stets dabei ist, Prozesse und komplexe Hausforderungen auch im wirtschaftlichen Kontext mit vorhandenen Mitteln einfacher und effektiver zu gestalten.


Lieber Ralf, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine Gedanken und Deine persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen.  

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?
Kurze Frage, kurze Antwort –

  • Digitalisierung,
  • Angst,
  • Chance

Was verbindest Du mit diesen Begriffen?
Digitalisierung – alle Bereiche des Lebens werden durch eine immer stärkere Durchdringung mit digitalen Technologien „durchwoben“. Was zunächst aussah wie eine effizienzsteigernde produktionsorientierte Implementierung, z.B. in der Automobilindustrie (wo ich die einmalige Gelegenheit hattet, diese Transformation inklusive ihrer Effekte selbst als Mitarbeiter zu erleben), findet sich, wenn auch zögernd, inzwischen im Bankwesen und anderen Bereichen, die Arbeiten so erst möglich machen. Muss man künftig noch zu 100% seiner Arbeitszeit in der Firma anwesend sein, möglicherweise sogar stundenlang auf Autobahnen und Landstraßen unterwegs sein (insbesondere im Osten der Republik ein nicht zu unterschätzendes Thema) oder kann das mobile Arbeiten einen Teil davon an Coworking Spaces, städte-gebundene Firmenbüros oder gar 100% mobil verlegt werden? Wird man künftig sogar die individualisierte, autonome-fahrende Elektromobilität mit vollständiger (sicherer) Vernetzung mit Büro bzw. der Firma und der Möglichkeit des Arbeiten im „rollenden Büro“ erleben?
Hier komme ich zum zweiten Begriff in der Reihe Angst – in einer Arbeitswelt, in der arbeitsrelevante Informationen (bisher) wenig frei fließen und eine persönliche Anwesenheit sozusagen notwendig ist, um an diese in Meetings, Kaffeepausen oder persönlichen Gesprächen heranzukommen, macht das Szenario einer Digitalisierung den Menschen Angst. Nicht ohne Grund wurde vor knapp zehn Jahren in einem global tätigen Unternehmen das interne Mitarbeiterportal radikal bezüglich der Funktionalität eingeschränkt. Die Gefahr, gute Mitarbeiter durch Fremdfirmen, die im Unternehmen ebenfalls arbeiteten, zu verlieren, da ihre unternehmensöffentlich bereitgestellten persönlichen Qualifikationen und Kenntnisse Abwerber auf den Plan treten lassen könnten, war als zu hoch eingeschätzt worden. Wo Angst herrscht, z.B. Arbeitsplatzverlust (persönlich als auch für Unternehmen, wenn sie von hervorragenden Mitarbeitern verlassen wird), gibt es stets auch eine Chance, diese positiv für alle die Beteiligten nutzbar zu machen.
Chance – wenn die Arbeitsbedingungen der Unternehmen gut und mitarbeiterzentriert sind und die Ausrichtung ihrer Prozesse auf die digitale Veränderung, die im Privatleben von vielen von uns bereits wesentlich stärker umgesetzt wird, ausgerichtet sind liegt die Chance insbesondere für den deutschen Arbeitsmarkt darin, Digitalisierung nicht nur zur Effizienzsteigerung (oft durch Reduzierung von Arbeitsplätzen) zu nutzen, sondern durch sie zur Steigerung der persönlichen Entwicklung des Einzelnen und einfacher umsetzbarer Teamarbeit zur Bewältigung der kommenden Herausfordungen des 21. Jahrhunderts beizutragen. Gegenwärtig steht dem jedoch – aus persönlicher Sicht – eine gewachsene „Kultur“ der Hierarchiehörigkeit in Deutschland entgegen. Man traut sich nicht, die Dinge „einfach einfach zu machen“ (wenn es der Chef bislang nicht angesagt hat). Daneben ist der relativ starre Arbeitsmarkt, wie er in Deutschland herrscht, eine Barriere in einer Wirtschaftsumgebung, in der an anderen Orten der Welt eine andere „Geschwindigkeit“ herrscht. Es macht Angst, einen Arbeitsplatz durch andere, wenn auch für das Unternehmen positive, Arbeitsprozesse zu gefährden und sich selbst ins „Abseits“ zu schießen, wenn doch die Prozesse so waren wie sie schon immer waren.

Was denkst Du, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten? 
Mein Wunsch ist es, zu sehen, dass Arbeitnehmer dort arbeiten können, wo ihr Wissen, Erfahrung und Kenntnisse ein Gewinn sind. Das kann durchaus mehrere Teilzeitverhältnisse betreffen, die jedoch so behandelt werden, als sei man bei einer einzigen Firma angestellt. All die Vorteile betreffend, die Leihfirmen oder eine Arbeit auf Werksvertrags- und Projektebene zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht erfüllen. Flexibilisierung der Arbeitszeit ist ein weiteres Feld. Wenn ein Bedürfnis zur Weiterbildung besteht (bedingt durch Arbeitsprozesse), z.B. das Erlernen einer Programmiersprache, sollte es möglich sein, diese so zu erlernen, wie es den individuellen Lernbesonderheiten der jeweiligen Personen entspricht. Darüber hinaus muss es möglich sein, auch vom heimischen PC oder mobilen Gerät das Gelernte zunächst „testweise“ mit Daten, die man in Firma während der regulären Arbeitszeit nutzt und auswertet zu festigen und dann ins Tagesgeschäft zu transferieren. Das Konzept der Coworking Spaces, auch wenn die Bezeichnung für das, was es in 10 Jahren geben wird nichts mehr mit dem zu tun haben wird, was man gegenwärtig vorfindet, wird sich durchsetzen. Wenn man z.B. das Betahaus in Berlin besucht sieht man neues Leben nicht nur „eingehaucht“ in alte ungenutzte Fabrikhallen sondern neue Arbeitsformen sich entwickeln. Diese Konzepte des Zusammenarbeitens werden diese Ort sowie Städte, Dörfer und Gemeinden in lebendige „Startup Communities“ verwandeln können und die Chance eröffnen, ganz neue Wege der Wirtschaft und Zusammenarbeit über Grenzen (ob Sprach- , Länder- oder Disziplingrenzen ) zu beschreiten, die heute noch utopisch klingen.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?
2002/2003 erlebte ich die digitale Revolution am Arbeitsplatz live, erst in einem Callcenter während der Flutkatastrophe in Dresden dann beim Aufbau des BMW Werk Leipzig. In beiden Fällen war das Ziel nur umsetzbar, indem den involvierten Menschen die „richtigen“ Tools anvertraut wurden und in sie das Vertrauen gesetzt wurde diese, für das Erreichen der Ziele einzusetzen und jederzeit auf quasi alle nötigen Informationen zugreifen konnten (auch die nicht im unmittelbaren Arbeitsbereich oder -umfeld lagen – Lösungen liegen oft nahe und doch außerhalb der eigenen Abteilungsgrenzen). Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 mit all ihren Auswirkungen hat in vielen Bereichen der Wirtschaft einen Rückschrittt vor 1995 (dies ist der Beginn des Internet) gebracht. Denn alles, was sich digital abspielt, insbesondere Informationen, die in Systemen für alle zur Verfügung liegen – all das macht Angst. Angst vor Kontrollverlust der Chefs und Manager, Angst vor Arbeitsplatzverlust und etwas Neues zu finden, das die täglichen Ausgaben für Wohnung, Auto und Familie deckt.

Warum ist das so? 
Menschen hören oft das, was die Masse sagt bzw. was der Nachbar sagt, die Zeitung schreibt – kurz was das Umfeld macht. Wenn alle sagen, es muss so bleiben wie es ist, wird oft im Verhalten der Vergangenheit verharrt. Dabei bleibt wenig Zeit und Kraft auch den Blick nach Außen zu werfen. Sich Meinungen von anderen anzuhören, die nicht aus unserem Kulturkreis sind, seien es Asylbewerber, Einwanderer oder Wissenschaftler, sind bereichernder als man zunächst annehmen mag. Sehr froh bin ich, dass ich hier in Dresden Teil einer Gruppe von internationalen Bewohnern Dresdens bin, die sich mit dem Thema Entrepreneurship und Startups beschäftigen. Da kommen oft Impulse in das Gespräch, die man so nicht vermutet. Wie wird in Ägypten gearbeitet? Was ist es, was man von Asiaten lernen kann?

Was wünscht Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit? 
Ich wünsche mir, dass ich dann mit einem lachenden Auge auf die vergangenen Herausforderungen und Tiefschläge im persönlichen Arbeitswerdegang zurückblicken kann und dieses Wissen, das dann ein 60-Jähriger in sich trägt für weitere Generationen weitergeben kann. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass meine bei der Elevator Pitch Night 2008 in Leipzig vermittelte Vision „Mitteldeutschland 2023 – the fruit of small changes today“ inzwischen gelebte Realität geworden ist.

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Dir gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren.

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