Michael Schöler – Diplomingenieur für Arbeitsgestaltung, ESH und REFA Lehrer und Dozent

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Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsführer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2024/2025) befragt.


Michael SchölerMichael Schöler 

ist Diplomingenieur für Arbeitsgestaltung. Hauptberuflich ist er als ESH Leiter bei einem Automobilzulieferer tätig, freiberuflich als Dozent für Technik, Korrosionsschutz, Ergonomie und Arbeitsgestaltung und als REFA Lehrer. Sein Lebensmittelpunkt ist Chemnitz in Sachsen. Seine Kunden sind Unternehmen der Industrie, Verbände, Kammern und Bildungsträger der Wirtschaft.


Lieber Herr Schöler, ich freue mich sehr, dass Sie sich bereit erklärt haben Ihre Gedanken und persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Ihnen spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • …wechselnde Arbeitsverhältnisse,
  • Flexibilisierung und
  • New Work

Was verbinden Sie mit diesen Begriffen? 
Lassen Sie mich mit wechselnden Arbeitsverhältnissen beginnen. Aus meiner Sicht wird eine größer werdende Gruppe von Arbeitnehmern sich mehrfach innerhalb des Berufslebens umorientieren müssen. Das ist einerseits der rasanten Entwicklung der Rechentechnik und damit einhergehend kürzer werdenden Produktlebenszyklen geschuldet. Andererseits werden Produkte und Dienstleistungen entstehen, für die beim Einstieg ins Berufsleben noch keine Ausbildungsgänge existieren. Die Berufsausbildung wird also eher als Startschuss ins Berufsleben, jedoch keinesfalls als Ende der Qualifikation begriffen werden müssen. Womit wir beim Thema Flexibilisierung angekommen sind. Hier sehe ich Anforderungen auf die arbeitende Bevölkerung zukommen, die nur jene erfüllen werden, die bereit und in der Lage sind auf diese zu reagieren. Ein Beispiel sind Industriezweige, wie die fossile und Kernenergiegewinnung, wo in heutiger Zeit andere Energieträger, als noch vor 20 Jahren das Feld erobern. New Work als dritter Begriff ist noch etwas diffus, weil keine einheitliche Definition besteht. Treiber neuer Arbeitswelten werden aber auf jeden Fall die Entwicklung neuer Rechentechnik, die häufigere Tätigkeit im Home Office und schlussendlich der Eintritt der Generationen Y und Z ins Arbeitsleben sein. Eng gepaart mit den ersten beiden Begriffen können so neue Arbeitswelten entstehen. Noch zwei Schlagworte: Sharing-Economy und Co-Working; hier entstehen gerade, in Deutschland noch zaghaft, Arbeits- und Lebensmodelle, an die vor 10 Jahre aus meiner Sicht hier noch nicht gedacht wurde. Zumindest nicht im großen Stil. Trotzdem eine sehr spannende Sache.

Was denken Sie, wie, wo und mit wem wir in 10 Jahren arbeiten?
In zehn Jahren wird sich aus meiner Sicht im großindustriellen Bereich nicht so viel und schon gar nicht sehr schnell etwas ändern. Das liegt an der Trägheit dieser Unternehmensgebilde. Gerade dort sind aber eine Erhöhung von Flexibilität und Fähigkeit zur Umorientierung gefragt. Und das nicht nur durch Erhöhung des Kesseldrucks. Der ist für die meisten Mitarbeiter schon hoch genug, für einige zu hoch. Für KMU sehe ich große Chancen Nutzen aus veränderten Arbeitswelten zu ziehen. Sie sind eher bereit etwas auszuprobieren, auch mit dem Risiko, wieder zurück rudern zu müssen. Denken sie an Edison, der gesagt haben soll, wenn einer seiner Versuche die Glühlampe zu erfinden scheiterte: „Ich bin nicht gescheitert, ich habe einen neuen Weg entdeckt, wie man die Glühlampe nicht erfinden kann.“ Dieser Ansatz ist doch wohl viel optimistischer, als die Tatsache des Scheiterns zu manifestieren. Ich denke da konkret, um zur Arbeitsgestaltung zurück zu kommen, beispielsweise an Desk-Sharing, an Co-Working, flexible Arbeitszeitmodelle und dergleichen mehr. Die Kultur des Ausprobierens ist gerade bei Gründern und kleinen Unternehmen noch nicht  in Bürokratie und Ablaufbeschreibungen erstickt. Hier sehe ich auch die größten Chancen, dass Neues entsteht.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also in der Zeit von 2004 bis heute, konkret verändert? Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Als erstes mal die Schlagzahl in der Industrie, Produktivität und die Mitarbeiter- und Flächeneffizienz. Ganz konkret: Der Workload ist geschätzt um 30 bis 50% gestiegen in den letzten 15 Jahren. Nicht nur durch schnellere Maschinen, auch durch Reduzierung von Stellen, oft schleichend, durch Nichtersetzen ausscheidender Kollegen. Im weiteren Feld haben sich Modelle entwickelt und sind in der Entstehungsphase, wie das erwähnte Co-Working. Co-Working hat zum Beispiel den Vorteil, dass ganz neue Gedanken entstehen können wenn sich wechselnde Co-Worker begegnen und sich austauschen. Allein mit „Gas geben“ werden wir schnell an die Grenzen der Belastungsfähigkeit der Mitarbeiter kommen. Intelligente Modelle der Arbeitsgestaltung sind gefragt.

Warum ist das so? 
…weil extensives Wachstum irgendwann an Grenzen gerät. Dann sind Innovationen fällig. Und glücklicherweise gibt es die. Wir leben immer noch in einem Land, in dem Menschen mit vielen Ideen leben. Ich denke, der Mensch muss wieder mehr in den Mittelpunkt des (Arbeits-) Lebens rücken, dann kommen die Ideen von selbst.

Was wünschen Sie sich persönlich für 2025 in Bezug auf Ihre Arbeit?
Mehr Flexibilität und immer gute Ideen.

Vielen Dank für Ihre Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Ihnen gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren.

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