Sarah Biendarra – Human Relations und New Work Vorleberin

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Allgemein, OWL

Wie arbeiten wir in 10 Jahren? Während wir heute oftmals in tradierten Strukturen arbeiten und denken, schreitet die technologische Entwicklung mit weiter zunehmender Dynamik voran. Entwicklungszyklen verkürzen sich, während wir selbst kaum mithalten können. Betrachtet man unter diesem Aspekt insbesondere die sich verändernde Arbeitswelt, so stellt sich die Frage:  Wie wird “neue Arbeit” aussehen? Um diese Fragestellung aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, habe ich Wissenschaftler, Geschäftsfüshrer, Personalfachleute, Führungskräfte, Selbstständige und Angestellte zu Ihrer Vision von Arbeit in 10 Jahren (2025) befragt.


Sarah Biendarra

Sarah Biendarra

gestaltet bei comspace die Bereiche Employer Branding, Personalmarketing & Recruiting und sorgt dafür, dass der New Work-Ansatz der Unternehmens gelebter Alltag wird.

 


Liebe Sarah, ich freue mich sehr, dass Du Dich bereit erklärt hast Deine  Gedanken und persönlichen ArbeitsVisionen2025 hier mit uns zu teilen. 

Welche 3 Begriffe fallen Dir spontan zum Thema „Arbeiten im Jahr 2025“ ein?

  • Digital is the new normal
  • Individualisierung
  • Beziehungen

Was verbindest Du mit diesen Begriffen? 

Digital is the new normal: In zehn Jahren wird die Digitalisierung in allen Bereichen unseres privaten und beruflichen Alltags angekommen sein. Aktuell bestimmt die Generation Y den Wandel der Arbeitswelt hin zu digitalisiertem, selbstorganisiertem und flexiblem Arbeiten. 2025 wird es die Generation Z sein, für die der Umgang mit Technik so selbstverständlich sein wird, wie für keine Generation zuvor. Wenn man heute beobachtet, wie selbstverständlich kleine Kinder mit Smartphones, Tablets usw. umgehen, kann man sich vorstellen, wie souverän sie sich im Erwachsenenalter in einer digitalen Umgebung bewegen werden. Digital is the new normal bedeutet auch, dass das Arbeiten mit digitaler Unterstützung, sei es in Produktionsprozessen, im Handwerk oder typischen Wissensarbeitsberufen, zur Normalität geworden sein wird.

Individualisierung: “Arbeiten um zu Leben” wird in zehn Jahren in vielen Branchen das vorherrschende Motto sein. Schon heute verschwimmen Arbeits- und Lebenswelten, man spricht von Work-Life-Blending, anstatt Balance. Individualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang den Wunsch nach der ganz persönlichen Vereinbarkeit der unterschiedlichen Rollen, die jede_r von uns lebt, z.B: Kind, Vater/Mutter, Schwester/Bruder, Partner, Freund, Software-Entwickler, Hobby-Fotograf, ehrenamtlicher Feuerwehrmann oder Judotrainerin,... Viele dieser Rollen sind nicht starr, sondern sie verändern sich über die Jahre inhaltlich oder von ihrer jeweiligen Gewichtung. Wir sprechen bei comspace in diesem Zusammenhang von Lebensphasenflexibilität, die es ermöglicht, Arbeitszeiten und -orte flexibel und den jeweiligen persönlichen Bedingungen angemessen zu nutzen. Die Individualisierung wird sich verstärkt in der persönlichen Entwicklung zeigen und vorgeformte Fach- oder Führungskarrieren werden an Bedeutung verlieren. Stattdessen wird es Aufgabe der HRler sein (müssen), individuelle, potenzialorientierte Weiterentwicklung zu unterstützen und mit dem Unternehmensportfolio in Einklang zu bringen. Die Frage wird nicht mehr lauten: "Kannst du genau das, was wir als Unternehmen für die Position x brauchen?" sondern "Wie kann ich dich unterstützen, deine Fähigkeiten und Potenziale in unserem und für unser Unternehmen zu entwickeln?"

Beziehungen: Wenn wir digitaler und individueller arbeiten, brauchen wir ein funktionierendes Netzwerk aus Geschäftspartnern, Kollegen, Mentoren, Unterstützern und Freunden, die mit uns gemeinsam ein Ziel erreichen wollen. Die Digitalisierung ermöglicht professionelle Zusammenarbeit durch cloudbasierte Arbeitsmethoden und individuelle Arbeitsbedingungen. Beziehungen halten dieses System zusammen und ermöglichen Kollaboration auch über unterschiedliche Arbeitsorte und -zeiten hinweg. Das Büro als Verortung von direkter zwischenmenschlicher Interaktion wird weiterhin wichtig sein, denn es ermöglicht den Aufbau und die Pflege von Beziehungen durch Begegnung. Bei der Arbeit wird der Cultural fit beiderseitig darüber entscheiden, ob Bewerber und Unternehmen zusammenfinden. Wer keinen Sinn in der Arbeit oder dem Unternehmenszweck sieht, wird (sofern er nicht aus finanziellen Gründen gezwungen ist und das wird auch in zehn Jahren noch oft genug der Fall sein), seine Leistung und Leidenschaft lieber in einem anderen Unternehmen einbringen - vielleicht sogar dem selbst gegründeten.

Was denkst Du wie, wo und mit wem arbeiten wir in 10 Jahren? 

Ich denke, dass wir in 10 Jahren nicht revolutionär anders arbeiten werden als heute. Das hat aus meiner Sicht folgende Gründe: Nicht alles was technisch möglich ist, wird sich im (Arbeits-)Alltag zwangsläufig durchsetzen, außerdem verändern sich Menschen und die Organisationsstrukturen in denen sie arbeiten nur sehr langsam. Trotzdem werden wir im Jahr 2025 daran gewöhnt sein, dass mehr digitale Assistenten einen größeren Teil unserer Arbeit übernehmen oder uns helfen, die tägliche Arbeit besser zu strukturieren. Die meisten von uns Kopfarbeitern werden nach wie vor ein Büro als “Workbase” haben, auch wenn sie nicht mehr täglich 9-to-5 dort arbeiten. Im Jahr 2025 werden wir weniger Kollegen und Kolleginnen haben, die in Vollzeit bei nur einem Arbeitgeber arbeiten. Stattdessen wird es mehr Varianten von (multipler) Teilzeitarbeit und vielfältige Beschäftigungsformen geben, flexiblere Arbeitsorte (Büro, Homeoffice bzw. Wherever-you-want-office) und -zeiten. Wir werden flexibler, vernetzter und fachlich orientierter arbeiten. Status und Hierarchie verlieren an Bedeutung, Arbeiten auf Augenhöhe, mit Sinn und Inhalt wird wichtiger.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren konkret verändert? Kannst Du ein paar Beispiele nennen?

Hierfür fallen mir Beispiele auf drei ganz unterschiedlichen Ebenen ein:

  1. Privat: Im Jahr 2004 habe ich studiert, es gab erste Klausurergebnisse online, ich hatte seit vielleicht zwei Jahren meine erste private E-Mail-Adresse und einen Desktop PC mit Modem und fürchterlich langsamer Internetverbindung. Heute schreibe ich meine Antworten für dieses Interview während meiner Arbeitszeit zu hause an meinem Schreibtisch, mit Laptop und Highspeed WLan. Davor habe ich mit zwei Kollegen über Google Drive gemeinsam einen Beitrag für unseren Unternehmensblog fertiggestellt und morgen bin ich wieder im Büro. Etwas allgemeiner formuliert: Kommunikation ist durch die Digitalisierung schneller und unbürokratischer geworden; (Zusammen-)Arbeit wird immer vielfältiger: Synchron oder asynchron über Chat oder cloudbasierte Dokumente, im Büro oder unterwegs mit dem Laptop.
  2. Aus größerer Perspektive betrachtet würde ich sagen, dass sich auch das grundlegende Verständnis von Arbeit verändert hat. Beim Recruiting ist der Wandel vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt in vollem Gange. Nicht umsonst gelten Google, Facebook & Co. als Vorbilder, wenn es um eine neue Art von Unternehmenskultur geht, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Konkrete Beispiele aus den letzten Jahren sind hierfür
    ● mehr offizielle Leitbilder zur Unternehmenskultur
    ● das vermehrte Zulassen privater Kommunikation am Arbeitsplatz
    ● innovative, bedürfnisgeleitete Bürogestaltung
    ● Initiativen für mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf
    ● das Projekt “Augenhöhe”.
  3. Ein konkretes Beispiel von comspace verdeutlicht, wie sich auch Sprache an neue Arbeitswelten anpassen kann und sollte: Die Abkürzung HR stand seit jeher für “Human Resources”, die Personalabteilung managte also den effizienten Einsatz von Humankapital. Wir haben uns dazu inspirieren lassen, HR neu interpretieren und zwar als “Human Relations”. Damit setzen wir den Fokus auf den Wert von Beziehungen zwischen Menschen und “ihrem” Unternehmen (s.o.).

Warum ist das so? 

Wenn Arbeit und berufliche Kommunikation komplexer und digitaler werden, werden auch gegenläufige Bedürfnisse z.B. nach “echten”, analogen Erlebnissen stärker. Beste Beispiele dafür sind die Offliner-Bewegung mit Digital Detox-Wochenenden, die steigende Nachfrage nach guten Handwerksprodukten oder Do it yourself-Projekte. Die Unternehmens- und Arbeitskultur erfüllt dieses Bedürfnis nach erlebbarem, authentischem Miteinander in der Arbeitswelt und wird mehr und mehr zum Differenzierungsmerkmal für Unternehmen.

Was wünschst Du Dir persönlich für 2025 in Bezug auf Deine Arbeit?

Ich wünsche mir, den Wandel zur New Work-Kultur mit begleiten und gestalten zu können. Für mich persönlich bedeutet das, weiterhin flexibel in einem tollen Team mit talentierten und inspirierenden Menschen zusammen zu arbeiten und Freiräume zum Denken, Handeln & Lernen zu haben.

Vielen Dank für Ihre Teilnahme an der Interviewreihe - ich freue mich schon 2025 mit Ihnen gemeinsam diese Antworten noch einmal zu reflektieren. 

Ein Gedanke zu „Sarah Biendarra – Human Relations und New Work Vorleberin

  1. Der Herr seis gedankt, Human Relations ist schon mal ein guter Anfang, leider phonetisch, insbesondere abgekürzt noch viel zu nah an Human Resources. Aber besser als das unsägliche Human Resources allemal. 😉

    Schöner Beitrag, vielen Dank!

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